Welche Kosten produziert die Landwirtschaft? True Cost Accounting lüftet das Geheimnis. (Foto: Tim Mossholder)

True Cost Accounting: Eine neue Erfolgsrechnung für die Marktwirtschaft

Wie Unternehmen sich den wahren Kosten ihrer Produkte annähern: Mit True Cost Accounting schaffen sie eine Chance für Mensch und Natur.

Im Jahr 2009 versammelte sich eine Gruppe internationaler Pioniere der Bio-Bewegung. Sie kam zusammen mit dem Ziel, die wahren Kosten des Ernährungssystems sichtbar zu machen. Damit schafften sie den Vorläufer für ein Konzept, das heute unter dem Begriff True Cost Accounting bekannt ist. Mit dabei: Eosta, ein international tätiger Großhandel für Bio-Obst und -Gemüse mit Sitz in den Niederlanden. Unter dem Namen Nature & More hat Eosta ein eigenes Verbraucher-, Marken- und Online-Transparenzsystem geschaffen.

Eosta-Gründer Volkert Engelsmann war einer der ersten, der eine Vollkostenrechnung für seinen Betrieb und einzelne Produkte aufgestellt hat. Denn nachhaltig wirtschaftende Unternehmen und Pioniere des True Cost Accounting haben zum Ziel, dass sie die Kosten, die sie mit ihrem Wirtschaften für Gesellschaft oder Umwelt verursachen, in die eigenen Bilanzen holen. Sie versuchen – auch ohne Unterstützung der Politik – voranzugehen und entwickeln dafür unternehmerische Lösungen weiter.

Damit der Markt das regelt – die Reihe

Liberale und Konservative fordern gern „Lass das mal den Markt regeln“. Klingt erst einmal gut. Einleuchtend. Funktioniert aber leider seit Jahrzehnten beim Klimaschutz und der Nachhaltigkeit nicht. Wir haben keinen fairen Markt für Klimaschutz. Keinen fairen Markt für Nachhaltigkeit. Warum? Weil wir keine wahren Preisen haben. Nicht für CO2. Nicht für sauberes Wasser. Nicht für faire Bedingungen in der Lieferkette.

Die versteckten ökologischen und sozialen Kosten sind aber nicht weg, wir sehen sie nur nicht am Preisschild. Bezahlen müssen wir sie dennoch – nur an anderer Stelle. Dies führt seit Jahrzehnten zu einer krassen Marktverzerrung. Umweltschädigendes Wirtschaften? Im Regal billiger als Produkte, die umwelt- oder klimaschonend sind. Menschenrechteverachtende Lieferkettenpraxis? Auf dem Kleiderbügel billiger als Produkte mit ganzheitlicher Verantwortung.

Die Autorin

Der Schlüssel dazu, dass wir endlich faire Marktbedingungen bekommen, sind wahre Preise. Ein Kernthema, mit dem sich auch der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW) seit Gründung 1992 beschäftigt. Autorin Dr. Katharina Reuter ist Geschäftsführerin des Verbandes und bringt das Thema mit Nachdruck auf die politische Agenda. Ihre dreiteilige Reihe zeigt die wissenschaftliche Debatte auf, gibt Einblicke in unternehmerische Ansätze, sich dem Thema zu nähern und geht auf mögliche politische Instrumente ein.

Der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft

Der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW e.V.) ist nach eigenen Angaben seit 1992 die politische Stimme für eine nachhaltige Wirtschaft. Er setzt sich für Umwelt- und Klimaschutz ein, ist als gemeinnützig anerkannt und führt eine Reihe von Bildungsprojekten durch. Der Verband und seine 500 Mitgliedsunternehmen wollen zeigen, dass Wirtschaft, Soziales und Ökologie zusammengehören. Der BNW hat zum Beispiel auch die Wirtschaftsinitiative „Entrepreneurs For Future“ initiiert. Über seinen europäischen Dachverband Ecopreneur.eu bezieht der Verein auch in Brüssel Stellung. www.bnw-bundesverband.de

True Cost Accounting: Bio-Äpfel sparen Krankheitstage

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) präsentierte dann 2014 in ihrem Projektbericht „Food wastage footprint: full cost accounting“ ein Modell, mit dem jede Organisation und jedes Unternehmen die versteckten Kosten für ein Produkt berechnen kann, sofern CO2- und Wasser-Fußabdruck sowie Werte für die Bodenerosion bekannt sind.

Die Wirtschaftsprüfer Ernst & Young (EY) entwickelten gemeinsam mit Nature & More und Soil & More das Modell weiter und veröffentlichten 2017 die Studie „True Cost Accounting for Food, Farm and Finance“. Dabei bezogen sie auch die versteckten Kosten mit ein, die durch gesundheitliche Schäden entstehen, verursacht insbesondere durch Pestizide bei bestimmten Obst- und Gemüsesorten.

Konventionelle Äpfel schneiden in der Kategorie Gesundheitsauswirkungen aufgrund der hohen Pestizidrückstände schlecht ab. Im Vergleich dazu sind die negativen Auswirkungen auf die Gesundheitskosten bei Bio-Äpfeln 0,19 Cent pro Kilo geringer. Slogan auf dem Cover der Studie: Kauf Bio-Äpfel und spar 27 Krankheitstage (pro Hektar und Jahr).

Leitlinien für True Cost Accounting sollen 2022 vorgestellt werden

Aktuell erarbeitet die Agrarberatung Soil & More Impacts gemeinsam mit Partnerunternehmen aus der Agrar-, Lebensmittel- und Finanzbranche Richtlinien für ein standardisiertes Verfahren zur Messung, Berechnung und Berichterstattung der Auswirkungen des Ernährungssektors auf Umwelt, Gesundheit und Gesellschaft. Dadurch sollen die externen Kosten auch in Geschäftsberichten und für Kreditinstitute sichtbar gemacht werden können. Die Veröffentlichung der Leitlinien ist im Frühjahr 2022 geplant.

Nach den Prinzipien des Ökologischen Landbaus wirtschaftende Betriebe vermeiden negative externe Effekte, zum Beispiel indem sie auf chemisch-synthetische Dünge- und Pflanzenmittel verzichten, extensivere Tierhaltung betreiben, regionale Betriebsmittel und samenfeste Sorten nutzen. Das steigert unter anderem die Bodenfruchtbarkeit und die Biodiversität.

Dafür nehmen sie einen zusätzlichen Aufwand und Mehrkosten in Kauf. In der betriebswirtschaftlichen Rechnung wird beides allerdings nicht berücksichtigt, dadurch entsteht ein finanzieller Nachteil für diese Betriebe: Sie haben mehr Aufwand, aber in der Regel weniger Gewinn.

Sie haben auch eine fundierte, spannende Perspektive auf ein wichtiges Thema unserer Zeit? Schreiben Sie uns an debatte@journalistico.de.

Wie Nachhaltigkeit ein Gewinn für die Bilanz wird

Unter dem Titel „Richtig rechnen in der Landwirtschaft“ haben die Regionalwert AG Freiburg in Kooperation mit dem Verein Agronauten und vier landwirtschaftlichen Betrieben ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt zur Erfassung, Verbuchung und Bilanzierung sozialer, ökologischer und regionalwirtschaftlicher Leistungen in der Landwirtschaft durchgeführt und eine entsprechende Bilanzierungsmethode entwickelt.

Als erstes werden Nachhaltigkeitsleistungen erfasst und in einem zweiten Schritt bewertet. Diese Leistungen werden drittens monetär abgebildet, da sie Vermögen schaffen oder erhalten (z.B. in Form von Bodenfruchtbarkeit oder Biodiversität). Im vierten Schritt werden die erfassten und monetarisierten Werte eines Betriebes in die Gewinn- und Verlustrechnung integriert und in Vermögenskonten in der Jahresbilanz unter „Sozial-ökologische Leistungen“ gebucht. Ein Regionalwert-Musterkontorahmen stellt die Buchhaltung landwirtschaftlicher Betriebe einheitlich strukturiert und differenziert dar.

Die Regionalwert AG Freiburg hat das Modell zusammen mit dem Softwarekonzern SAP SE, der Parmenides Stiftung und der Cognostics AG im Projekt QuartaVista – Navigationssystem für werteorientierte Unternehmen weiterentwickelt.

Ergänzung der betriebswirtschaftlichen Erfolgsrechnung

QuartaVista steht für die vier Perspektiven, aus denen Unternehmen und ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten auf der Aktiv- und der Passivseite betrachtet werden. Die klassisch betriebswirtschaftliche Erfolgsrechnung wird ergänzt um die Dimensionen Ökologie (z.B. Ressourcennutzung, Umweltbelastungen), Gesellschaft (z.B. Aus- und Weiterbildung durch das Unternehmen, Beitrag zur Solidargemeinschaft) und Wissen (ist es zum Beispiel aktiv in Forschung und Entwicklung, kümmert es sich um den Erhalt von Wissen).

Die QuartaVista-Methodik wurde in die SAP-Buchhaltungssoftware Business By Design implementiert und bildet Leistungskennzahlen in Form von Graphen, Balken- und Tortendiagrammen ab. So können Unternehmen zukunftsgerichtet planen. Die Bilanzen verschiedener Unternehmen lassen sich vergleichen. Es entsteht ein Anreiz für technologische und soziale Innovation und es ist eine Chance für biologisch produzierende Unternehmen zu zeigen, welchen Mehrwert sie für die Gesellschaft schaffen.

„Das Billig von heute ist das Teuer von morgen“, sagt QuartaVista-Projektleiterin Jenny Lay-Kumar. „Risiken und Schäden in die Bilanz bringen, ebenso wie Leistungen zugunsten von Nachhaltigkeit, bedeutet viel mehr, als dass Produkte teurer werden. Es bedeutet, die Marktwirtschaft anhand einer neuen Erfolgsrechnung neu auszurichten.“

Lesen Sie auch

Journalistico_Logo

Erhalten Sie unsere Highlights. Immer Samstags. Kostenlos.

Verwandte Beiträge