Wahre Preise müssen die Schäden unseres Wirtschaftssystems enthalten. (Foto: Matt Palmer)

Wahre Preise für faire Märkte und Klimaschutz

Wir können Klimaschutz und Menschenrechte nur dem Markt überlassen, wenn wir wahre Preise haben. Was zu tun ist. Ein Plädoyer.

Die Preise, die wir für Lebensmittel, Kleidung, Wärme oder Verkehr bezahlen, sind zu niedrig. Sie bilden nicht die wahren Kosten ab. Sie sagen nicht die ökologische und soziale Wahrheit. Denn sie berücksichtigen nicht die Umweltbelastungen, unfaire Arbeitsbedingungen oder das Elend der Massentierhaltung, die die Herstellung von Gütern aller Art verursacht.

Deshalb kostet die Bio-Banane im Laden mehr als die Pestizid-Banane. Und die giftfreie Jacke, die mit strengsten Umweltregeln und im Einklang mit den Menschenrechten produziert wurde, ist teurer als die Jacke voller Chemie, die auch noch unter schlimmen sozialen Bedingungen hergestellt wird.

Das muss sich ändern, wenn wir wollen, dass der Markt dazu beiträgt, dass wir das Klima schützen, die Menschenrechte respektieren und die Umwelt sauber halten. Dann dürfen “gute” Produkte beim Preis nicht länger benachteiligt werden.

Für die Kosten bezahlen wir so oder so

Heute werden die verborgenen, externen Kosten unseres Wirtschaftssystems auf die Gesamtgesellschaft abgewälzt: als Steuern, Abgaben und Krankenkassenbeiträge. Oder wir überlassen die Rechnung künftigen Generationen – wie beispielsweise die Kosten, die der menschengemachte Klimawandel verursacht, gegen den wir nicht ambitioniert genug angehen.

Damit der Markt das regelt – die Reihe

Liberale und Konservative fordern gern „Lass das mal den Markt regeln“. Klingt erst einmal gut. Einleuchtend. Funktioniert aber leider seit Jahrzehnten beim Klimaschutz und der Nachhaltigkeit nicht. Wir haben keinen fairen Markt für Klimaschutz. Keinen fairen Markt für Nachhaltigkeit. Warum? Weil wir keine wahren Preisen haben. Nicht für CO2. Nicht für sauberes Wasser. Nicht für faire Bedingungen in der Lieferkette.

Die versteckten ökologischen und sozialen Kosten sind aber nicht weg, wir sehen sie nur nicht am Preisschild. Bezahlen müssen wir sie dennoch – nur an anderer Stelle. Dies führt seit Jahrzehnten zu einer krassen Marktverzerrung. Umweltschädigendes Wirtschaften? Im Regal billiger als Produkte, die umwelt- oder klimaschonend sind. Menschenrechteverachtende Lieferkettenpraxis? Auf dem Kleiderbügel billiger als Produkte mit ganzheitlicher Verantwortung.

Die Autorin

Der Schlüssel dazu, dass wir endlich faire Marktbedingungen bekommen, sind wahre Preise. Ein Kernthema, mit dem sich auch der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW) seit Gründung 1992 beschäftigt. Autorin Dr. Katharina Reuter ist Geschäftsführerin des Verbandes und bringt das Thema mit Nachdruck auf die politische Agenda. Ihre dreiteilige Reihe zeigt die wissenschaftliche Debatte auf, gibt Einblicke in unternehmerische Ansätze, sich dem Thema zu nähern und geht auf mögliche politische Instrumente ein.

Der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft

Der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW e.V.) ist nach eigenen Angaben seit 1992 die politische Stimme für eine nachhaltige Wirtschaft. Er setzt sich für Umwelt- und Klimaschutz ein, ist als gemeinnützig anerkannt und führt eine Reihe von Bildungsprojekten durch. Der Verband und seine 500 Mitgliedsunternehmen wollen zeigen, dass Wirtschaft, Soziales und Ökologie zusammengehören. Der BNW hat zum Beispiel auch die Wirtschaftsinitiative „Entrepreneurs For Future“ initiiert. Über seinen europäischen Dachverband Ecopreneur.eu bezieht der Verein auch in Brüssel Stellung. www.bnw-bundesverband.de

Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes (UBA) haben allein die deutschen Treibhausgasemissionen im Jahr 2019 Umweltkosten in Höhe von mindestens 156 Milliarden Euro verursacht: in Form von umweltbedingten Gesundheits- und Materialschäden, Ernteausfällen oder Schäden an Ökosystemen. Ohne wahre Preise bleiben diese Kosten im Alltag unsichtbar.

Für Professorin Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, sind die im Zertifikatehandel erhobenen Preise für den Ausstoß einer Tonne CO2 deshalb keine Mehrkosten, sondern machen nur bereits angefallene Kosten sichtbar, die wir ohnehin früher oder später bezahlen: die der klimaschädlichen CO2-Emissionen, die viele Jahre unbepreist und deswegen unsichtbar waren. „Doch schon seit Jahrzehnten steigen die Folgekosten des Klimawandels“, warnte sie in einem Gastbeitrag im Handelsblatt.

Studie: Kosten für Lebensmittel sind fast doppelt so hoch wie die tatsächlichen Preise

Für den Bereich Ernährung, einer der größten Emittenten von Treibhausgasen, hat die Lebensmittelwissenschaftlerin Alessa Perotti von der ETH Zürich 100 Faktoren ermittelt, die den Preis von Lebensmitteln beeinflussen können: Umwelteinflüsse wie CO2-Belastung, Boden- und Wasserverbrauch, Pestizide oder Dünger, das Tierwohl oder Gesundheitskosten, die in Folge zum Beispiel eines hohen Fleischkonsums entstehen. Berücksichtigt hat sie auch soziale Komponenten wie Lohnkosten, sowie wirtschaftliche Faktoren wie Subventionen, Steuern oder Abgaben.

Für die Schweiz kam Perotti zu folgenden Zahlen: Jährlich geben die Menschen dort rund 37 Milliarden Franken für Lebensmittel und nicht-alkoholische Getränke aus. Die geschätzten wahren Kosten liegen aber bei 70 Milliarden. Käse müsste 53 Prozent mehr kosten, Weizen 69 Prozent mehr, Rindfleisch sogar 125 Prozent mehr.

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Massentierhaltung ist für das Klima extrem schädlich

Nach einer Studie der Universität Augsburg im Auftrag der Lebensmittelkette Penny müssten wir für unsere Lebensmittel zwischen sechs und 196 Prozent mehr zahlen, wenn sämtliche Folgekosten mit einfließen würden. Wahre Preise wären für die Käuferinnen und Käufer zum Teil also deutlich spürbar.

„Die höchsten externen Folgekosten und damit größten Fehlbepreisungen gehen mit der Produktion konventionell hergestellter Nahrungsmittel tierischen Ursprungs einher“, sagt Studienleiter Dr. Tobias Gaugler. „Konventionell produzierte Fleisch- und Wurstwaren müssten auf Erzeugerebene dreimal so teuer sein, wie sie derzeit sind, die zweithöchsten Aufschläge müssten für konventionell hergestellte Milchprodukte erfolgen, die niedrigsten für Bio-Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs.“

LebensmittelWahrer Preis im Vergl. zum Preis für konventionelle ProdukteWahrer Preis im Vergleich zum Preis für Bio-Produktion
Apfel+ 8 Prozent + 4 Prozent
Banane + 19 Prozent + 9 Prozent
Kartoffel + 12 Prozent + 6 Prozent
Tomate + 12 Prozent + 5 Prozent
Mozzarella + 52 Prozent + 30 Prozent
Gouda + 88 Prozent + 33 Prozent
Milch + 122 Prozent + 69 Prozent
Fleisch (gemischt) + 173 Prozent + 126 Prozent
Uni Augsburg: True-Cost-Berechnung für Beispiel-Lebensmittel

Dass bei tierischen Produkten die externen Kosten besonders hoch sind, liegt vor allem an der energieintensiven Aufzucht der Nutztiere: Futtermittelanbau, Beheizung und Belüftung der Ställe sowie der Stoffwechsel der Tiere führen zum Ausstoß von reaktivem Stickstoff und von Treibhausgasen sowie zu Energiebedarfen, die beutend höher sind als bei pflanzlichen Produkten. Die Rinderhaltung in der Landwirtschaft ist einer der größten Klimasünder überhaupt.

Neue Berechnungsmethode legt die wahren Preise offen

Beim sogenannten True Cost Accounting (TCA) werden die sozialen und ökologischen Auswirkungen bei der Herstellung von Produkten und ihre Folgekosten eingepreist und in wahren Preisen sichtbar gemacht. Diese Art der Vollkostenrechnung lässt sich in allen Sektoren anwenden.

Für Tobias Bandel, Gründer der Agrar- und Lebensmittelberater Soil & More Impacts GmbH ist TCA ein Werkzeug für die Transformation der Wirtschaft im Sinne der Umwelt. Soil & More Impacts berechnet die positiven und negativen Externalitäten je Anbaukultur auf landwirtschaftlicher Ebene. Über die Berechnung von CO2-Fußabdrücken hinaus fließen dabei zusätzlich Aspekte wie Wasser, Boden und Biodiversität in die TCA-Berechnung ein.

Wettbewerbsfähigkeit neu definieren

Ein Beispiel: Wird Futtermais intensiv ohne Untersaat angebaut, ist der Boden im Frühjahr weitgehend unbedeckt. Starkregen im zunehmend trockenen Frühjahr führt dann dazu, dass Oberboden abfließt, wodurch Flüsse verschlammen können und Hochwasser begünstigt wird. Die Reparaturkosten für den Hochwasserschutz zahlen die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, während an anderer Stelle Futter und Fleisch billig angeboten werden. True Cost Accounting korrigiert die Kostenkalkulation von Produkten um diese externen Kosten. Entsteht Nutzen, wird auch dieser berücksichtigt. So entstehen wahre Preise.

Auch Prof. Dr. Maja Göpel, Transformationsforscherin, setzt sich für True Cost Accounting ein und plädiert dafür, Wettbewerbsfähigkeit neu zu definieren: „Wer hier nur ökonomische Messgrößen anlegt und auf dem ökologischen Auge blind bleibt, bleibt mittelfristig auch auf dem sozialen Auge blind.“ Wettbewerbsfähigkeit müssen im Sinne von True Cost Accounting oder Umweltbilanzen eine reale Betrachtung der Wirtschaft ermöglichen. “Also sich auch für die Grundlage zukünftigen Wirtschaftens interessieren.“

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