Bilder der Politik: Ein Einblick in die Kunstsammlung des Bundestags

Seit mehr als fünf Jahrzehnten kauft der Bundestag Kunst an. Zum Beginn der Wahlperiode hat das Kunstreferat besonders viel zu tun. Ein Streifzug.
Überall im Berliner Regierungsviertel kann Kunst entdeckt werden, wie hier eine Skulptur von Tony Cragg. (Foto: Achim Melde)
Überall im Berliner Regierungsviertel kann Kunst entdeckt werden, wie hier eine Skulptur von Tony Cragg. (Foto: Achim Melde)

Immer zum Beginn einer Wahlperiode haben Andreas Kaernbach und seine Kollegin Kristina Volke besonders viel zu tun. Der Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages und seine Stellvertreterin beraten Abgeordnete bei der Auswahl der Bilder für ihre Büros.

„In diesen Monaten liegen gerade unsere Belastungsspitzen”, erzählt der 63 Jahre alte Kaernbach. „Vor der Konstituierung des neuen Bundestages geben die Abgeordneten, die den Bundestag verlassen, die geliehenen Kunstwerke zurück. Und nach der Konstituierung kommen die neu gewählten in die Artothek und entscheiden, welche Bilder sie für ihre Büros ausleihen.” Um die fünftausend Werke umfasst die Artothek, ganz genau kann man das nicht sagen, weil manche Arbeiten aus mehreren Teilen oder Blättern bestehen.

Kunstsammlung: “Am besten ist, man sieht das Original”

Viele Abgeordnete freuen sich, wenn sie vom Schreibtisch auf Arbeiten von Künstlern blicken, die sie mögen. Viele suchen auch gezielt nach Künstlerinnen und Künstlern aus ihrem Wahlkreis. „Ich sage immer: Kommen Sie und schauen Sie; am besten ist, man sieht das Original”, erzählt der Leiter der Kunstsammlung des Bundestags.

In einem großen Raum seines Referats, gelegen im historischen Schadow-Haus nahe der Straße unter den Linden, hängen und stehen Graphiken und Holzschnitte, Drucke und Gemälde, Plastiken und Fotografien zur Ansicht bereit. Haben Abgeordnete hier etwas nach ihren Vorstellungen gefunden, werden die Arbeiten in die Büros transportiert und es wird eine Stellprobe gemacht.

„Da mische ich mich nicht ein”, erzählt der Kurator, „schließlich müssen die Abgeordneten die nächsten Jahre damit leben.” Nur wenn offensichtlich ist, dass der angedachte Platz dem Bild schaden könnte, etwa bei kompletter Sonneneinstrahlung, legt Kaernbach freundlich Widerspruch ein. Er habe, sagt er, auch eine konservatorische Verantwortung.

Zu Bonner Zeiten wurde der Grundstock für die Kunstsammlung gelegt

Der Grundstock für die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages wurde 1968 gelegt. Damals wurde in Bonn das Abgeordnetenhochhaus „Langer Eugen” fertiggestellt. Für die Sitzungssäle wurden Werke bedeutender Künstler wie HAP Grieshaber oder Günther Uecker angekauft; für die Büros 500 Grafiken zu je 500 Mark. Seit 1976 wird diese Kunstsammlung über einen festen Ankaufsetat im Haushalt des Bundestages erweitert.

Über die Erwerbungen für die Artothek und für Kunst am Bau entscheidet der Kunstbeirat. Vorsitzender war bislang Wolfgang Schäuble (CDU). Unter der neuen Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) wird, vermutlich im neuen Jahr, ein neuer Beirat konstituiert. Die Fraktionen entscheiden, wen sie in das Gremium entsenden.

In den gemeinsamen Sitzung wird darüber abgestimmt, welche Werke für die Kunstsammlung angekauft werden. Vorschläge dafür können die Beiratsmitglieder machen, öfter melden sich aber auch Bundestagsabgeordnete, mitunter auch Bürgerinnen und Bürger mit Hinweisen auf interessante Arbeiten.

Eine Konstruktion von Wirklichkeit

In diesem Jahr hat sich der Kunstbeirat unter anderem für den Ankauf des Gemäldes „Still Blue” der Bremer Malerin Sibylle Springer entschieden. Ihre Arbeit ist eine Referenz an die niederländische Malerin Margareta Haverman. Haverman war eine der wenigen Frauen in der Kunstwelt des 18. Jahrhunderts, heute existieren nur noch zwei Arbeiten von ihr, eine davon im New Yorker MoMa.

Auf diesem Stillleben, das Sibylle Springer visuell und technisch neu interpretiert hat, sind Blumen arrangiert, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten der Erde blühen. Möglich wurde das zu Havermans Lebzeiten, weil die Niederlande eine Kolonialmacht waren, deren Händler weit herumkamen. Im Gespräch nennt Springer das Bild „eine Konstruktion von Wirklichkeit: Auf den ersten Blick sieht man nur Blumen, aber tatsächlich fließen da unendliche viele Reflexionen und Kontexte ein”. In die Kunstsammlung aufgenommen wurde das Gemälde auf Vorschlag zweier Bremer Bundestagsabgeordneten.

Im Sommer dieses Jahres ging „Still Blue” dann auf die Reise nach Berlin. Springer ist sehr stolz darauf. „Der Bundestag ist die prominenteste Stelle, die man haben kann.” Ihr sei wichtig, sagt sie, dass Kunst nicht dekorativ verstanden werde. „Sie hat etwas mit uns Menschen, mit der Gesellschaft insgesamt zu tun. Das Bild ist jetzt da, wo deren Repräsentanten arbeiten.” Das scheinen auch andere so verstanden zu haben. Kurator Andreas Kaernbach erzählt, dass sich mit Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble einer der prominentesten Politiker der letzten fünf Jahrzehnte für „Still Blue” in seinem neuen Büro entschieden hat.

Der Bundestag – ein gigantischer Ausstellungsraum

Aber natürlich ist der Kunstbeirat nicht nur dafür da, einzelne Abgeordnete froh zu machen. Das Gremium kümmert sich seit Mitte der Neunzigerjahre auch um die Kunst am Bau. Der Parlamentsumzug nach Berlin und die neuen Gebäude sind seither ein gigantischer Ausstellungsraum. Manches befindet sich innerhalb der Gebäude, etwa Christian Boltanskis Installation „Archiv der Deutschen Abgeordneten” oder Hans Haackes umstrittenes Boden-Werk „Der deutschen Bevölkerung”.

Viele Werke sind aber auch für Passanten und Besucher präsent. Wer etwa abends an der Spree entlanggeht, sieht an der Fassade des Paul-Löbe-Hauses die riesige neongrün leuchtende Installation des Leipziger Künstlers Neo Rauch: den „Mann auf der Leiter”. Und alle Besucherinnen und Besucher – also zehntausende jedes Jahr – schauen beim Betreten des geschichtsträchtigen Gebäudes auf zwei Arbeiten von Gerhard Richter. „Schwarz Rot Gold” hat der weltberühmte Maler bereits 1999 für den Westeingang fertiggestellt. Seit drei Jahren hängt nun an der gegenüberliegenden Wand die vierteilige Arbeit „Birkenau”.

Das Regierungsviertel in seiner betonbetonten Gleichförmigkeit wird durch die Kunst am Bau zum spannungsreichen Ort. Alles hier atmet Geschichte. Und die Kunst – die öffentlich sichtbare, die in den Gängen und Innenhöfen, die in den Abgeordnetenbüros – schreibt diese Geschichte weiter.

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