„Santa Claus ist eine echte europäische Integrationsfigur.”

Santa Claus wurde im 19. Jahrhundert vom Auswanderer Thomas Nast erfunden und nicht von Coca Cola. Ein Interview mit der Historikerin Kohl-Langer.
Nasts Weihnachtsmann hat wenig mit unserer heutigen Vorstellung von Santa Claus gemeinsam. (Foto: Srikanta H. U)
Nasts Weihnachtsmann hat wenig mit unserer heutigen Vorstellung von Santa Claus gemeinsam. (Foto: Srikanta H. U)

„Den Weihnachtsmann gibt es nicht”, er sei nur zu „Werbezwecken” erfunden, sagte zuletzt Antonio Stagliano, Bischof im italienischen Noto. Und erntete heftig Kritik. Ganz unrecht hatte der Geistliche nicht. Der Zeichner Thomas Nast (1840-1902) hat den Weihnachtsmann im 19. Jahrhundert ersonnen, 1931 – vor 90 Jahren – kapert ihn Coca-Cola für die Werbung. Nasts politischer Anspruch des Weihnachtsmanns geht dabei unter. Nast wird 1840 im pfälzischen Landau geboren, seine Familie wandert in die USA aus. Dort erlangt das Migrantenkind als Zeichner Berühmtheit, Nast gilt als Begründer der politischen Karikatur in den USA. Als Mitarbeiter der Zeitschrift „Harper’s Weekly” etabliert Nast Esel und Elefant als Symbol für die beiden US-Parteien Demokraten und Republikaner, im Bürgerkrieg schickt er seinen Santa Claus auf der Seite der Nordstaaten in den Kampf gegen die Sklaverei. Ein Interview mit Christine Kohl-Langer, Leiterin des Landauer Stadtarchivs, über Thomas Nast, seine Freiheitsliebe und das Politische in seinen Zeichnungen.

Frau Kohl-Langer, was wissen wir eigentlich über Thomas Nast?

Thomas Nast kommt 1840 in Landau zur Welt, in der so genannten Roten Kaserne, die heute noch steht. Sein Vater war Militärmusiker, seine Mutter stammte hier aus der Gegend, aus dem Landauer Vorort Mörlheim. Sie machte sich 1846 mit Nast und seiner Schwester auf den Weg in die USA. Der Vater kam erst ein Jahr später nach. Eine Frau, allein mit ihren Kindern, auf dem Weg in die Emigration, das war durchaus wagemutig damals.

War die Flucht in den Wirren vor der Revolution von 1848/49 politisch motiviert?

Nach allem, was wir wissen, handelt es sich bei den Nasts um Armutsmigration. Wie bei so vielen Pfälzerinnen und Pfälzern damals. Im 19. Jahrhundert sind mehr als 150.000 Menschen aus der Pfalz in die USA ausgewandert, die meisten aus wirtschaftlichen Gründen, etliche aber auch aus politischen Motiven, gerade nach der liberalen Revolution von 1848/49, die in Baden und der Pfalz viel Unterstützung fand. Der Name Palatines – englisch für Pfälzer – galt in den Vereinigten Staaten lange als Sammelbegriff für alle Auswanderer aus Deutschland.

„Nasts Santa Claus ist eine echte europäische Integrationsfigur.”

Thomas Nast hatte es in der neuen Welt nicht einfach… .

Die Familie landete in New York, in einer Gegend, in der vornehmlich Familien aus der Pfalz wohnten. Politisch ging es da wohl immer zu. In der Schule hatte es Nast nicht einfach, sein zeichnerisches Talent wurde aber früh erkannt. 1855, als Nasts Vater starb, musste er dann zum Einkommen der Familie beitragen und fing bei einer Zeitschrift an: „Frank Leslie’s Illustrated Newspaper”, später kam er zu „Harper’s Weekly” und trug mit zum Aufstieg des Magazins bei.

Dort reichte er 1863 zum ersten Mal seinen knurrigen Santa Claus ein. Wie viel pfälzisches Brauchtum steckt in der Kunstfigur?

Es gibt hier in der Pfalz in der Vorweihnachtszeit den „Pelznickel”, ein knurriger Alter, der Kinder belohnt. Das mag bei Nast sicherlich eine Rolle gespielt haben. Aber Nasts Figur geht weit darüber hinaus. Nasts Santa Claus ist eine echte europäische Integrationsfigur. Die lange Pfeife etwa, kommt vom niederländischen Sinterklaas. Nast dockt also bewusst an bei einem protestantischen europäischen Auswanderermilieu in den USA.

„Wir waren überrascht, wie aussagekräftig Nasts Karikaturen auch heute noch sind.”

Das Migrantenkind Nast gilt als Begründer der politischen Karikatur in den USA. Wie politisch ist eigentlich sein Santa Claus?

Sehr. Nast war immer politisch. Er hat auch Esel und Elefanten erschaffen, die bis heute als Symbol für Demokraten und Republikaner in den USA stehen. Auch seinen Santa Claus stellt er häufig in einem politischen Umfeld dar. 1863 besucht Santa Claus die Truppen der Nordstaaten, die im Bürgerkrieg gegen die Sklaverei kämpfen. Später schickt er die Figur in den US-Kongress, wo sie von zwei Abgeordneten grimmig mahnend Reformen einfordert, sonst erhielten sie keine Geschenke.

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Coca-Cola schickte die Figur dann 1931 erstmals in den Werbefeldzug. Ein Bischof in Italien hat dagegen nun heftig gewettert. Hätte Thomas Nast diese Kommerzialisierung gefallen?

Das Marketing hat Nasts Santa Claus weltweit popularisiert und berühmt gemacht. Auch der Kolorierung von rotem Pelz, Nerz und weißem Rauschebart stammen aus der Werbung. Das hat das Bild des Santa Claus nachhaltig geprägt. Wer heute im Internet Santa Claus eingibt, wundert sich, wie viel Kitsch da angeboten wird. Der feine Zeichner Thomas Nast hätte das sicher nicht gewürdigt.

Der alte, weiße Mann hat es nicht einfach in diesen Zeiten. Erfährt die Figur heute Kritik?

Kohl-Langer: Santa Claus wird eher integrativ gesehen. Wie gesagt, Nast war politisch und hat sich für Freiheitsrechte eingesetzt, auch der Minderheiten in den USA. Wir haben im Vorjahr eine Ausstellung in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung in Berlin gemacht und waren überrascht wie aussagekräftig seine Karikaturen auch heute noch sind – gerade mit Blick auf Donald Trump. Nast hat in seinen Arbeiten gegen Korruption gewettert. Er hat früh Fehlentwicklungen in der amerikanischen Demokratie vorausgeahnt.

 

Über Thomas Nast: Migration und Heimatsehnsucht

Thomas Nast wird 1840 in Landau in der Pfalz geboren. Seine Familie wandert in die USA aus. Nast macht als Zeichner Karriere und gilt als Begründer der politischen Karikatur in den USA. Theodore Roosevelt schickt ihn 1902 als Generalkonsul nach Ecuador, wo Nast im selben Jahr verstirbt. Zu seinem 120. Todestag plant die Stadt Landau im kommenden Jahr eine große Ausstellung von Nasts politischen Zeichnungen.

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