Vom Klimaschutz bedroht: Geschäfte mit Öl. (Foto: Zbynek Burival)

Wie der Klimaschutz fit für den Kapitalismus werden soll

Eine kaum wahrgenommene Ankündigung auf der Klimakonferenz in Glasgow (COP 21) könnte den Klimaschutz erheblich voranbringen.

Der zögerliche Abschied von der Kohle scheint auf den ersten Blick das zentrale Ergebnis der Klimakonferenz von Glasgow zu sein. Nach langem Ringen konnten sich die Staaten auf dieses Ziel verständigen. Für manche zu wenig, für andere ein weiterer wichtiger Kompromiss auf dem Weg, eine dramatische Erderwärmung zu verhindern.

Viel weniger wahrgenommen worden ist eine Ankündigung, die am Rande der Konferenz gemacht wurde. Vielleicht, weil sie unspektakulär wirkt und von einer Organisation kam, die in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist: der IFRS Foundation. Doch die Mitteilung hat es in sich. Sie könnte den Klimaschutz erheblich voranbringen.

Den Unternehmen geht es an die Bilanz

Was verbirgt sich hinter der IFRS Foundation? Nun, eine Berufsgruppe, die in der Öffentlichkeit so sexy daherkommt wie zum Beispiel Versicherungsmathematiker. Es sind die Rechnungslegungsexpertinnen und -experten. Und die IFRS Foundation ist ihre weltweit wichtigste Organisation.

Die IFRS entscheidet darüber, wie die Bilanzen börsennotierter Unternehmen auszusehen haben. Und zwar nicht nur in ein oder zwei Ländern. Ihre Standards gelten inzwischen in mehr als 140 Jurisdiktionen (Länder und andere Rechtsgebiete). Von Afghanistan bis Zimbabwe. Auch in der EU. Das Ziel ist, globale Vergleichbarkeit herzustellen.

Es gibt wenig, was im Kapitalismus wichtiger wäre als die Bilanz. Sie gibt Auskunft darüber, ob ein Unternehmen erfolgreich ist oder nicht. Sie bestimmt, ob Aktienkurse steigen oder fallen. Ob die Milliarden der Investorinnen und Investoren fließen oder nicht.

Was die Organisation plant, ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung

Diese IFRS Foundation hat nun angekündigt, dass sie ein Regelwerk zur Bilanzierung von Nachhaltigkeit erarbeiten will. Dafür ruft sie das International Sustainability Standards Board (ISSB) ins Leben. Das wird keine Wohltätigkeitsveranstaltung. Entstehen soll “ein umfassender globaler Grundstock hochwertiger Standards für die Offenlegung von Nachhaltigkeitsdaten, um den Informationsbedarf der Investoren zu decken”.

Anders gesagt: Der Klimaschutz wird kapitalismustauglich gemacht. Der Kapitalismus wird klimaschutztauglich gemacht.

Dass Investorinnen und Investoren wissen wollen, was in den Unternehmen in puncto Nachhaltigkeit geschieht, ist ein sich stetig verstärkender Trend. “Unternehmen, die nachhaltig agieren, haben eine bessere geschäftliche Performance”, sagt Finanzprofessor Sebastian Müller von der TU München. Er verweist auf mehrere Studien, die das Phänomen untersucht haben. “Da gibt es definitiv eine Verbindung.” Hinzu kommt: Nicht nachhaltige Geschäftspraktiken werden zunehmend zu einem Geschäftsrisiko.

Wenn Vermögen auf Grund laufen

Ein einschlägiges Beispiel für die finanziellen Risiken des Klimawandels sind Ölvorkommen. Ölkonzerne haben sie für viel Geld erschlossen und mit Milliardenbewertungen in ihren Bilanzen verbucht. Wenn das Öl aber gar nicht mehr aus den Feldern gepumpt und verkauft  werden kann, weil das die CO2-Ziele nicht mehr zulassen, sind die Felder wertlos. Ganz so weit wird es nicht kommen, weil Öl auch noch für andere Zwecke benötigt wird.

Gleichwohl sind die Risiken groß. Im Slang der Finanzwelt ist von “Stranded assets” die Rede, von auf Grund gelaufenen Vermögenswerten. Laut der Ratingagentur Moody’s sind Finanzinstitute in der Gruppe der 20 führenden Industrie- und Entwicklungsländer mit 22 Billionen Dollar in kohlenstoffintensiven Branchen engagiert. Das entspricht etwa 20 Prozent ihrer gesamten Kredite und Investitionen.

Wenn nun globale Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung erarbeitet werden, erhöht das den Druck auf die Unternehmen. Denn mit der Transparenz wird der Markt Risiken, die aus nicht nachhaltigen Geschäftsmodellen resultieren, einpreisen können. Damit entsteht zusätzlicher Handlungsdruck in den börsennotierten Unternehmen, umzusteuern.

Das Geld soll anders fließen

“Den Klimawandel zu bekämpfen, ist eine Notwendigkeit, doch der Fortschritt ist sehr langsam”, kritisiert am Dienstag Lucrezia Reichlin von der IFRS Foundation auf der Euro Finance Week in Frankfurt. Wenn wir mit der Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes so weitermachten wie bisher, sei das Restbudget in achteinhalb Jahren aufgebraucht und die Klimaziele von Paris nicht mehr zu erreichen.

Mit dem neuen Regelwerk solle Investorinnen und Investoren ermöglicht werden, “das Geld dorthin zu bringen, wo es hingehen soll”. Umgekehrt heißt das: Geschäftsmodelle, die in einer klimaneutralen Welt nicht funktionieren, bekommen ein Finanzierungsproblem. “Dass unsere Organisation sich jetzt um Standards kümmert für die Bilanzierung von Nachhaltigkeit, könnte ein Gamechanger werden”, so Reichlin. Noch immer gebe es zu viele Unternehmen, die ihre CO2-Emissionen nicht offenlegten.

Frankfurt im Mittelpunkt der Nachhaltigkeitsstandards

Die IFRS Foundation drückt aufs Tempo. Schon bis Juni 2022 soll ein vereinheitlichtes Regelwerk stehen. Es baut auf Arbeiten anderer Organisationen auf und führt diese in einem Konzept zusammen. Zunächst kümmern sich die Rechnungslegungsexperten um das Thema Klima, dann sollen weitere Nachhaltigkeitsfaktoren folgen. Dabei wird das Regelwerk für Nachhaltigkeit kompatibel sein mit den bisherigen Rechnungslegungsstandards.

Deutschland spielt eine besondere Rolle bei diesem Vorhaben. Das neue International Sustainability Standards Board (ISSB) wird in Frankfurt sitzen und laut Reichlin “sehr bald” seine Arbeit aufnehmen. Die ersten Standards sollen in der zweiten Jahreshälfte 2022 veröffentlicht werden.

Banken unzureichend vorbereitet

Auch für die Banken sind Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung der Unternehmen von großer Bedeutung. Schließlich müssen sie abschätzen, was für Risiken sie sich mit ihren Geschäften in die Bücher holen. Dabei gibt es derzeit noch Defizite, so Joachim Würmeling, Vorstandsmitglied der Bundesbank.

“Den Banken fehlt noch die Erfahrung, mit ESG-Risiken umzugehen”, so Würmeling. Sie seien derzeit nicht in der Lage, die ganze Tragweite ihrer Investitionen abzuschätzen. Einerseits hätten Sie ihre Investitionen auf Nachhaltigkeitsrisiken noch nicht ausreichend analysiert. Andererseits sei das Risikomanagement traditionell auf einen Zeithorizont von ein bis drei Jahren ausgerichtet gewesen. Klimarisiken seien aber langfristiger Natur.

“Die Risiken sind heute schon in den Büchern”

Und noch ein Problem gibt es. Klimarisiken “materialisieren sich aufgrund politischer Entscheidungen”, so Würmeling. Was er meint: Wann und wie die Politik zum Beispiel entscheidet, Kohlekraftwerke abzuschalten, ist schlecht vorhersehbar. Wenn sie es aber tut, verlieren die Kraftwerke an Wert. Solche Entwicklungen müssen Investoren versuchen abzuschätzen.

“Wir sind sehr, sehr weit entfernt von dort, wo der Bankensektor sein sollte”, moniert Patrick Amis von der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB). Die EZB dränge darauf, dass die Risikobewertung der Banken besser werde. Dazu fehlten zwar immer noch globale Daten, Standards und Methoden. Doch die Banken könnten nicht zuwarten, bis diese vorhanden seien. Sie müssten jetzt handeln.

“Die Risiken sind heute schon in den Büchern.”

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