Das Textilbündnis franst aus

Vor sieben Jahren wurde das Textilbündnis gegründet. Es sollte die Branche fairer machen. Inzwischen sind mehrere Organisationen und 26 Firmen ausgetreten.
Trigema und andere Firmen haben das 2014 gegründete Textilbündnis verlassen. (Foto: Sharon McCutcheon)
Trigema und andere Firmen haben das 2014 gegründete Textilbündnis verlassen. (Foto: Sharon McCutcheon)

Im Textilbündnis, das die Arbeitsbedingungen in ausländischen Bekleidungsfabriken verbessern soll, ruckelt es. Einige Firmen, darunter der baden-württembergische Textilproduzent Trigema, sind ausgetreten. Vergangene Woche gaben zudem zwei kirchliche Entwicklungsorganisationen bekannt, dass sie nicht mehr mitmachen wollen. „Nach sieben Jahren hat ein Weiter-So keinen Sinn“, sagte Sandra Dusch Silva von der Christlichen Initiative Romero (CIR) in Münster. Die Frage, die im Raum steht, lautet: Hat das Textilbündnis überhaupt eine Zukunft?

Der freiwillige Zusammenschluss aus Politik, Entwicklungsorganisationen, Gewerkschaften und Unternehmen wurde 2014 auf Initiative des damaligen Entwicklungsministers Gerd Müller (CSU) gegründet – als Reaktion auf katastrophale Unfälle in Textilfabriken Asiens mit tausenden Toten und Verletzten. Die derzeit rund 130 Mitglieder, darunter große Firmen wie Adidas, Aldi, H&M und KiK, vereinbarten beispielsweise, für mehr Arbeitssicherheit in Fabriken, höhere Löhne und das Verbot gefährlicher Chemikalien zu sorgen.

Zu viel Bürokratie, zu wenig Fortschritte

Für Dusch Silva haben sich die Hoffnungen jedoch nicht erfüllt: „Es gibt viel zu wenige konkrete Fortschritte.“ Neben CIR tritt auch das Amt für Mission und Ökumene der Evangelischen Kirche von Westfalen aus dem Bündnis aus. Besonders in der Lohnfrage bewege sich quasi nichts, bemängeln die Organisationen. Die hiesigen Firmen würden kaum etwas dafür tun, dass die Beschäftigten der Zulieferfabriken existenzsichernde Löhne erhielten, die einen akzeptablen Lebensstandard ermöglichten. Die Kritik teilt Gisela Burckhardt von der Organisation Femnet in Bonn: „Die Bilanz nach sieben Jahren ist mager.“

Unmut herrscht auch bei manchen Firmen. Wolfgang Grupp Junior vom Unternehmen Trigema hält den bürokratischen Aufwand bei den Fortschrittsberichten, die das Bündnis verlangt, für zu hoch. Das sei der Grund für den Abschied gewesen, so Grupp, Sohn des Firmenchefs. Die Standards halte man aber trotzdem ein. Bis zum Jahresende würden auch alle Trigema-Produkte mit dem staatlichen Siegel „Grüner Knopf“ zertifiziert, erklärte Grupp.

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Grüner Knopf und neue Gesetze machen Textilbündnis überflüssig

Unter anderem wegen der Fortschrittsberichte seien „26 Unternehmen aus dem Textilbündnis ausgetreten, was wir ausdrücklich bedauern“, teilte der Verband Textil und Mode mit. Darunter sind Edeka und Humana. 70 Firmen beteiligen sich augenblicklich. Nach Angaben des Entwicklungsministeriums „machen sie gut 45 Prozent des deutschen Textil-Einzelhandels aus“.

Ist die Veranstaltung insgesamt noch sinnvoll? Seit 2014 hat sich das Umfeld verändert. Mittlerweile gibt es den Grünen Knopf mit vergleichbaren Standards. Vorteil für die Firmen: Dieses Label können sie in den Geschäften an die Kleidungstücke heften, die Kundinnen und Kunden sehen es. Das ist beim Textilbündnis nicht der Fall. Außerdem hat der Bundestag das Lieferkettengesetz verabschiedet, das für alle Branchen einschließlich des Textilsektors, ökologische und soziale Mindeststandards vorschreibt. Und in den nächsten Jahren wird wohl eine europäische Ausführung folgen.

Forderungen nach Erneuerung des Textilbündnisses

Femnet-Chefin Burckhardt will trotzdem am Bündnis festhalten. Sie stellt dafür aber Forderungen – wie auch die Organisation Inkota. Im Wesentlichen geht es darum, dass das Textilbündnis mehr konkrete Vorteile für die Beschäftigten erbringen solle, und die Firmen zu Fortschritten verpflichtet werden müssten. Burckhardt betrachtet die Kooperation als Möglichkeit, gemeinsam über den Mindeststandard des Lieferkettengesetzes hinauszugehen. „Sichtbare Verbesserungen“ seien nötig, „insbesondere in den Risikofeldern Existenzsichernde Löhne, Behinderung von Gewerkschaftsfreiheit, geschlechtsspezifische Gewalt, Korruption, Einsatz nicht nachhaltiger Rohstoffe und gefährlicher Chemikalien“, sagte Burckhardt.

Der Verband Textil und Mode erklärte, „das Textilbündnis macht Sinn, wenn es sich stärker auf die Bündnisinitiativen fokussiert“. Das sind freiwillige Vorhaben, an denen sich Unternehmen beteiligen können, aber nicht müssen. Als positives Beispiel nannte der Verband eine Initiative im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, wo Arbeiterinnen in Spinnerein und Nähereien darin unterstützt werden, ihre Rechte durchzusetzen. Außerdem solle das Textilbündnis den Firmen helfen, das Lieferkettengesetz umzusetzen. Unter anderem darauf konzentriere man sich bereits, sagte Jürgen Janssen, der Leiter des Bündnis-Sekretariats.

Ob dieser Ansatz reicht, die Entwicklungsorganisationen und meisten Firmen bei der Stange zu halten, muss sich zeigen. Dabei wird es auch auf die Haltung der neuen Entwicklungsministerin Svenja Schulze von der SPD ankommen.

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