Die Welt der Lieferdienste: Oben bestellt, unten bezahlt

Gewerkschaften rügen schlechte Job-Bedingungen bei Lieferdiensten. Ein Blick auf die neue Klassengesellschaft in der Waren- und Arbeitswelt.
In der Lieferbranche herrschen prekäre Arbeitsbedingungen. (Symbolbild: Egor Myznik)
In der Lieferbranche herrschen prekäre Arbeitsbedingungen. (Symbolbild: Egor Myznik)

Sie tragen Schwarz (Gorillas), Lila (Getir) oder kommen in Grün wie Bringoo – Fahrrad- Lieferdienste, die in Metropolen wie Frankfurt, Stuttgart oder München Einkäufe nachhause bringen. Nicht nur vom Burger-Laden um die Ecke, sondern auch aus dem Supermarkt. Zuletzt stieg im Rhein-Main-Gebiet der Liefedienst Kuspr aus Tschechien ein. Ein Blick auf die umkämpfte Lieferszene.

Die Unternehmen oder das digitale Einkaufszentrum im Netz: Deutschland ist Exportweltmeister. Aber der US-Unternehmer Andy Fang sieht hier erstmal einen Mangel. Von einem „unterversorgten Markt” spricht Fang und analysiert: Nur jedes fünfte Restaurant hierzulande ist an einen Lieferdienst angebunden.

Kurierdienste für Supermärkte – bald in ganz Deutschland?

Fang ist angetreten, das zu ändern. Gemeinsam mit Freunden gründete er vor neun Jahren in den USA den Lieferdienst Doordash. Der bringt dort nicht nur Pizzen, Pasta oder Sushi an die Haustür, sondern übernimmt auch Kurierdienste für Supermärkte wie Walmart. 55 Prozent der Auslieferungen beträgt der Lieferanteil des Startups in den USA, Doordash ist damit Marktführer.

Seit der Jahreswende ist Doordash auch in Stuttgart unterwegs. Die Stadt im wirtschaftlichen Umbruch ist ein Testmarkt. „Wenn wir hier erfolgreich sind, dienen uns die hier gesammelten Erfahrungen auch für andere Städte”, sagt Fang.

Ein umkämpfter Markt

Doordash ist nur einer von vielen neuen Anbietern hierzulande. Das tschechische Startup Knuspr liefert seit dem Frühjahr im Rhein-Main-Gebiet aus. Es geht um einen umkämpften Markt. Der kennt Firmen wie Lieferando, die auf Speisen spezialisiert sind. Einen Schritt weiter geht Gorillas. Das Unternehmen ging vor zwei Jahren in Berlin an den Start. Dort unterhält Gorillas in innerstädtischen Kiezen kleine Warenlager. Per App können Kunden mal eben Bier, Chips oder andere Waren aus dem Supermarkt liefern lassen. Binnen zehn Minuten, so das Versprechen, ist die Lieferung per Radkurier an der Haustür. Liefergebühr: 1,80 Euro.

Gorillas bietet ein Grundsortiment – von Avocado, über Hafermilch bis Zewa. Knuspr strebt nach mehr. So wie das Hamburger Unternehmen Bringoo. „Die Vision ist, dass man in unserer App Geschäfte aller Art findet – vom Supermarkt über die Apotheke bis zum Blumenladen” , sagt Gründer Hasib Khan. Khan belieferte in Afghanistan erst die Bundeswehr, dann die US-Armee. Verglichen damit sei die Lieferung einer Tüte Lebensmittel hierzulande „eigentlich banal”, sagt er. Bringoo setzt weniger auf Geschwindigkeit als auf ein umfassendes Angebot. Khans Idee: „Bringoo ist das digitale Einkaufszentrum der Nachbarschaft.” Künftig gilt die Devise: Wir bringen das bis zur Haustür. Und zwar innerhalb einer Dreiviertelstunde.

Lieferdienst-Kundschaft: Urban, Single, jung

Die Kundschaft oder die kleinen Annehmlichkeiten des Alltags: Birte Klein* bezieht seit knapp fünf Jahren ihre Lebensmittel über das Netz. „Ich war damals schwer erkrankt. Mir fehlte schlichtweg die Kraft zum Schleppen”, sagt sie. Als Amazon-Kundin ist Klein damals bei Amazon Fresh gelandet – und dabei bis heute geblieben. Alle zwei Wochen gibt die alleinstehende Mutter ihre Bestellung im Netz auf, im Schnitt für sechzig bis achtzig Euro. Für Lieferungen unter achtzig Euro ist bei Amazon Fresh eine Gebühr von 1,99 fällig. „Es ist aber nicht so, dass ich jetzt am Rechner sitze und versuche die achtzig Euro zu knacken. Bestellt wird, was gebraucht wird”, sagt Klein.

Die Berlinerin ist 59 und damit älter als der klassische Schnitt der Lieferdienst-Kundschaft. Die umschreibt die Marktforschung als urban, jung und eher Single. Das Motiv: Es muss schnell gehen. Auf dem Land, wo wegen der älter werdenden und weniger mobilen Gesellschaft, Lieferdienste benötigt würden, sind die Logistikkosten zu hoch. So konzentrieren sich die Lieferdienste auf städtische Ballungsräume wie Stuttgart, München oder Frankfurt.

Auch Kochboxen hat Klein probiert, ist aber wieder ausgestiegen. Zu viel Müll. „25 Gramm Mehl in Plastikbeuteln braucht niemand”, sagt sie. Für Klein sind es andere Dinge, die sie an Lieferdiensten schätzt. „Die köstlichen Aufbackcroissants von LeNotre gab’s eine Zeit lang nur bei Amazon Fresh.” Es geht um die kleinen Annehmlichkeiten im Leben. Zu denen auch gehört, dass es klingelt und sich entspannt zum Lieferanten sagen lässt: „Vorderhaus, vierter Stock.”

Mindestlohn und ständiger Stress

Die Fahrer sind immer in Eile. Was zählt ist Geschwindigkeit, pro Lieferung gibt es einen Aufschlag. „Keine Zeit”, sagt auch Victor.* Er kam im vergangenen Jahr aus Südamerika nach Deutschland. Daheim hat er Maschinenbau studiert, hier macht er als Radkurier zwölf Euro die Stunde. Das entspricht dem neuen Mindestlohn. Hinzu kommt das Trinkgeld, rund fünfundzwanzig Euro am Tag. „Ist okay”, sagt Victor.

Der Kurier steht vor einer Lieferfiliale im Zentrum Berlins. Hinter ihm wandern die Bestellungen für die nächsten Fahrten aus den Regalen in die quadratischen Thermotaschen der Kollegen. Vorne sagt Victor: „Kann sein, dass ich gleich weiter muss.” Victor trägt die schwarze Maske über Mund und Nase. Auch sonst will er nicht viel Privates verraten. Die Lieferdienste mögen nicht so viel Öffentlichkeit, gerade wenn es um ihre Kuriere geht.

Datenlecks, schlecht bezahlte Arbeit und kein Betriebsrat

Bei Gorillas traten die Fahrer im Vorjahr sogar in den Streik. Es ging um Datenlecks, mies bezahlte Arbeit und die Forderung nach einem eigenen Betriebsrat. Vor allem die spanischsprachigen Kuriere zeigten sich kampfeslustig. Der Arbeitsort mag sich in globalisierten Zeiten ändern, aber der Mut zum Aufstand bleibt.

So wie Victor haben die meisten Lieferkuriere einen Migrationshintergrund. „Asien, Spanien, Südamerika”, sagt der 28-Jährige. Die multikulturelle Gesellschaft ist arbeitsteilig. Für die Kuriere zählt vor allem eins: der schnelle Einstieg auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Deutschkenntnisse sind nicht unbedingt erforderlich, die Umgangssprache ist Englisch. Vor einer „Prekarisierung der Arbeitswelt”, warnt Veronika Mirschel von der Gewerkschaft Verdi. Der Soziologe Heinz Bude spricht in seinem Buch „Gesellschaft in Angst” von „alltäglichen Kämpfen auf der unteren Etage”. „Die Geringverdiener sind in Deutschland heute kaum mehr in der Industrie, sondern in der Dienstleistung beschäftigt”, notiert der Forscher. Ihm wird der Paketbote zum Sinnbild der fragilen neuen Arbeitswelt: Harte Arbeit, schlecht bezahlt, kaum Aufstiegschancen. Quadratisch, praktisch, gut – wie die markanten Liefertaschen eines Anbieters? Von wegen. Oben bestellt. Unten liefert. Und bezahlt mit niedrigen Löhnen. Kein Platz für Lieferhelden.

Klage gegen die Prekarisierung der Arbeit

Die Gewerkschaft oder Klage gegen die Prekarisierung der Arbeit: Veronika Mirschel kennt das: Wie ein Schiff liegt die Zentrale der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi am Ufer der Spree. Mirschel leitet dort den Bereich Selbstständige. Oder Solo-Selbstständige wie es korrekt heißt. „Das reicht von eher gut bezahlten IT-Experten bis zu eher mäßig entlohnten Sprachlehrern”, sagt die Gewerkschafterin. Für Mirschel sind die Kurierfahrer Teil einer „Prekarisierung der Arbeitswelt”. „Da geht es nicht allein um Plattform-vermittelte Tätigkeiten, sondern generell um mäßig bezahlte Jobs knapp über dem Niveau des bisherigen Mindestlohns”, erläutert Mirschel.

Sie selbst hat noch nie bei Amazon bestellt. Wenn sie überhaupt im Online-Handel bestellt, lässt sie das Paket zu einer Abholstation bringen. Und wie blickt sie auf die neuen Lieferdienste? „Bei der Zahl von neuen Anbietern, Übernahmen und Kooperationen verliert man leicht den Überblick”, erzählt Mirschel. Ihr Zwischenfazit zum wilden Markt der Lieferdienste: „Reine Spekulationsgeschichten. Geld verdient damit bislang noch niemand.”

Faustregel: Gleicher Preis wie im Supermarkt

Bernhard Swoboda bringt die Herausforderungen für die neuen Lieferdienste auf eine griffige Formel: „Eine Banane ist nicht unbedingt eine Banane.” Was banal klingt, hat einen ernsten Hintergrund: „Der eine mag die Banane gelb, der andere reif oder aber eher grün”, erläutert Swoboda. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre forscht an der Universität Trier zu Marketing und Handel. Er weiß: So viele Frischevarianten wie von Kunden gewünscht, kann eine App nur schwer bieten. Und so kann Swoboda von Handelsunternehmen berichten, die bei der Lieferung von Frischeprodukten reihenweise über unzufriedene Kunden klagen.

Food-Sektor nennen Experten wie Swoboda den Lebensmittelhandel. Der setzt hierzulande pro Jahr rund 240 Milliarden Euro um, und hat mit einem sehr handfesten Phänomen zu kämpfen: „Preissensible Kunden”, wie Swoboda das nennt. Sprich: Der Preis ist heiß und entscheidet – gerade in Deutschland. In Großbritannien weiß Marktführer Tesco mit Schnäppchen im Netz zu punkten. In Deutschland gilt für Lieferdienste die Faustregel: Gleicher Preis wie im Supermarkt. Deshalb blickt der renommierte Retail-Experte Swoboda eher zurückhaltend auf die neuen Startups hierzulande – nicht allein wegen der Kundschaft, sondern auch wegen der Kosten beim Händler. „Ein paar Bier und Chips für den Fußballabend – dazu muss einer die Waren einsortieren, einer die Bestellung zusammenpacken und einer ausliefern. Da lässt sich nur schwer was verdienen.”

Deutschland ist beim Online-Lebensmittelhandel europaweit Schlusslicht

Quick-Commerce heißt das Geschäftsfeld des schnellen Handels der Lieferdienste. „Online bestellen und sich das Ganze rasch liefern lassen”, umschreibt Swoboda das Prinzip. Vor allem ein großstädtisches Klientel mag’s schnell. Im ländlichen Raum hätte die ältere Bevölkerung zwar Bedarf, aber dort sind die Logistikkosten zu hoch. Und so macht Swoboda in Anlehnung an eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey eine einfache Rechnung auf: Rund 40 Prozent der Deutschen lebt in Großstädten, ein Drittel davon würde Lebensmittel auch online kaufen, macht ein Potenzial von rund zwölf Prozent des Gesamtmarktes. Rein rechnerisch betrachtet.

Tatsächlich liegt der Online-Anteil der Lieferdienste bei Lebensmitteln hierzulande bei zwei Prozent. Deutschland ist damit beim Online-Lebensmittelhandel in Europa Schlusslicht, weit hinter Frankreich (10,8 Prozent) und Großbritannien (13,8 Prozent), ergab eine Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen IQ. Andere Segmente wie Mode oder Elektronik sind schon weiter: Dort wird bereits ein Drittel der Ware online verkauft.

Online-Bestellungen müssen so einfach wie möglich sein

Verbraucher hierzulande sind also keine Online-Muffel. Aber was lässt sich daraus für die Liefer-Startups lernen? Betriebswirt Swoboda entwirft mehrere Szenarien. Mehrwert lautet eine Vision. „Der Lieferdienst kann mit einem neuen Geschäftsmodell kombiniert werden, Kochboxen etwa”, sagt Swoboda. Ein Set mit allen Zutaten fürs Essen vom Gemüse, über Fleisch bis hin zu den Kartoffeln. „Voice-Commerce” lautet Swobodas nächste Prognose. „Niemand will sich im Internet durch ein Sortiment von hundert Nudelvarianten klicken”, sagt der Professor. Ein Ausweg: Den Einkauf mit Sprachassistenten wie Alexa oder Siri kombinieren. Das Bestellen muss so einfach wie möglich werden. Der nächste Vorschlag zielt in eine ähnliche Richtung: „Omnichannel”, heißt das in der Sprache der Experten. Sehr einfach gesagt: Die Grenze zwischen der Warenwelt im Netz und im klassischen stationären Handel schwindet. Vorbild sind die Modelabels. Ein Kleid lässt sich im Laden probieren, die fehlende Größe aber bequem online bestellen. Swobodas Fazit: „Viele denken noch zu sehr im Gegensatz zwischen digital und analog.”

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* Namen wurden geändert

Neue EU-Iniative

Im Kampf gegen Scheinselbstständigkeit hat EU-Sozialkommissar Nicolas Schmit im Vorjahr eine Initiative für mehr Rechte von Plattformbeschäftigten wie Uber, Lieferando und Co vorgelegt. So werden Entlohnung, Arbeits- und Sozialstandards festgeschrieben. Unternehmen müssen auch die Algorithmen offenlegen, mit denen sie ihre Beschäftigten einsetzen – und heimlich deren Arbeitsleistung kontrollieren können.

Von einem „Schritt in die richtige Richtung”, spricht Veronika Mirschel von der Gewerkschaft Verdi. „Die EU schafft faire Arbeitsbedingungen”, lobt der CDU-Europaabgeordnete Dennis Radtke, zugleich Vize-Chef der christlich-demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA). „Die reichsten Unternehmen der Welt bereichern sich auf Kosten der schlecht Bezahlten”, kritisiert die SPD-Europaparlamentarierin Gaby Bischoff.

Die Plattform-Industrie tut sich schwer mit Arbeiternehmerrechten. Mit einem Logistikzentrum in New York haben sich jetzt erstmals Beschäftigte des Händlers Amazon in den USA für die Gründung eines Betriebsrats entschieden.

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