„Der Getreidepreis ist der Benzinpreis des 19. Jahrhunderts”

Forscher Lukas Haffert analysiert in seinem Buch „Stadt.Land.Frust” den Stadt-Land-Gegensatz. Im Interview spricht er über die zentralen Erkenntnisse.
Lukas Haffert, Politikwissenschaftler an der Universität Zürich. (Foto: Junge Akademie/Peter Himsel)
Lukas Haffert, Politikwissenschaftler an der Universität Zürich. (Foto: Junge Akademie/Peter Himsel)

Politikwissenschaftler Lukas Haffert forscht an der Universität Zürich. Sein neues Buch „Stadt. Land. Frust.” befasst sich mit den Gegensätzen zwischen Stadt und Land als politische Konfliktlinie. Ein Interview über rechte Tendenzen auf dem Land, Metropolen-Bashing als Mobilisierungsfaktor und warum eine gute Infrastruktur allein wenig bringt, um eine rechte Wählerschaft zu erreichen.

Herr Haffert, Joe Biden gegen Donald Trump in den USA, Remain gegen Leave beim Brexit, Emmanuel Macron gegen Marine Le Pen in Frankreich – der Blick auf Wahlergebnisse zeigt ein deutliches Gefälle zwischen Stadt und Land. Urbane Zentren wählen tendenziell linksliberal, ländliche Gebiete eher rechts-konservativ. Woher rührt diese Verwerfung?

Es sind zwei Gründe, die miteinander zusammenhängen. Zunächst gibt es wirtschaftliche Veränderungen. Nach 1945 gleicht sich der Wohlstand zwischen Stadt und Land zunächst an. Seit den 80er-Jahren unterscheiden sie sich wieder stärker, weil der Wohlstand in den Städten im Vergleich zum Land tendenziell stärker wächst. Das liegt an einer veränderten Wirtschaftsstruktur. In urbanen Zentren dominieren Wissensökonomie und Kreativwirtschaft vom IT-Entwickler, über Design bis hin zu Bildungsberufen in Forschung, Universität und Schule. Diese ökonomischen Unterschiede übersetzen sich in unterschiedliche Werte. Das städtische, eher akademische Milieu gibt sich tendenziell kosmopolitischer und offener gegenüber Veränderungen. Das äußert sich etwa in den Einstellungen zu Einwanderung oder Gleichberechtigung, aber auch in Lebensstilfragen.

Dafür stehen Kaffee Flat White mit Hafermilch und Lastenrad. Ganz neu ist der Graben nicht. Im Mittalter hieß es „Stadtluft macht frei”, im 19. Jahrhundert idealisieren Heimatdichter wie Peter Rosegger das Land als Idyll gegen die Dekadenz der Stadt. Wie äußert sich die Kluft im historischen Rahmen?

Der Graben zwischen Stadt und Land spielt eine große Rolle im 19. Jahrhundert. Einer der großen strukturellen Gegensätze ist der zwischen Landwirtschaft und Industrie. Das äußert sich auch in ökonomischen Debatten. Fabrikbesitzer und Arbeiterschaft in Städten wollen günstiges Brot und Freihandel für Getreide, das Land pocht auf Schutzzölle für Agrarprodukte. Wenn man so will: Der Getreidepreis ist der Benzinpreis des 19. Jahrhunderts. Das spiegelt sich auch in den entstehenden Parteien wider. Die Sozialdemokratie etabliert sich dank der städtischen Arbeiterschaft als urbane Partei, ebenso die Liberalen, Bauernparteien und Konservative bedienen den agrarisch-ländlichen Raum.

„Ziel ist, Wähler vom rechten Rand zurückzugewinnen. Man schlägt Berlin und meint die Moderne.”

Der ökonomische Gegensatz spiegelt sich auch in kulturellen Debatten. Elitenkritik wird verpackt im Unmut über die Metropole…

Schon Bismarck wähnt nach 1871 zu ,viele Berliner’ im Reichstag. Konrad Adenauer hielt Berlin für eine ‚heidnische Stadt’. Hier regt sich früh die Kritik an der sogenannten Berliner Blase. Daneben gibt es eine Lebensstilkritik. Das verruchte Berlin als Hort von Dekadenz und Sittenlosigkeit – ein prägendes Motiv in Weimar. In dieser moralischen Berlin-Kritik spiegelt sich immer auch eine Distanz zur Moderne. In anderen Ländern äußert sich das mit dem Unmut über Wien oder Paris.

Berlin-Bashing ist also nicht neu. Überraschenderweise wird das Stereotyp nicht nur von ganz rechts außen bedient. Die frühere CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer mokierte sich über Trans-Toiletten in Berlin, Jens Spahn klagte über zu viele englischsprachige Bedienungen in Mitte. Welches Motiv steckt dahinter?

Die Berlin-Kritik bündelt viele unterschiedliche Formen des Unbehagens. Multikulturelle Gesellschaft, Verkehrswende, Kriminalität – im Berlin-Bashing wird dieses gefühlte Unbehagen für eine bestimmte Wählerschaft leicht decodierbar. Ziel ist, Wähler vom rechten Rand zurückzugewinnen. Man schlägt Berlin und meint die Moderne. Durch die Brüche seiner jüngeren Geschichte ist Berlin dafür viel besser geeignet als Städte wie Frankfurt, München oder Hamburg.

„In der Stadt hat sich ein kosmopolitisches Klientel etabliert, das sich immer stärker von den Menschen im ländlichen Raum unterscheidet.”

Sie haben für Ihr Buch nicht nur Ergebnisse der jüngsten Bundestagswahlen ausgewertet, sondern auch eigene Erhebungen gemacht. Wie sind Sie vorgegangen?

Die Gegensätze zwischen Stadt und Land werden ja nicht von selbst zu einem politischen Konflikt, sondern müssen von den Menschen auch als politisch relevant empfunden werden. Deshalb haben wir uns mit den verschiedenen Identifikationsmustern von städtischer und ländlicher Bevölkerung befasst. Identifikation und Gruppenzugehörigkeitsgefühl sind auf dem Land besonders stark, wachsen überraschenderweise aber auch in der Stadt. Der Graben zwischen Stadt und Land vertieft sich auch durch die Metropolen.

Sie beschreiben Grüne und AfD als die beiden Pole dieses Gegensatzes. Interessanterweise sehen Sie nicht nur die rechte Tendenz abgehängter Regionen kritisch, sondern auch die ,Vorauseilenden’ in Städten. Wie lässt sich das verstehen?

Die übliche These lautet: Die Menschen in abgehängten Regionen sind frustriert und wählen AfD. Aber, wenn man sich in den Erhebungen anschaut, wo haben sich Einstellungen am stärksten verändert, sind das die Städte. Dort hat sich ein kosmopolitisches Klientel etabliert, das sich immer stärker von den Menschen im ländlichen Raum unterscheidet. Hier wächst eine Polarisierung, die das politische System prägt. In der alten Bundesrepublik bildeten Union und SPD die Pole des Parteienspektrums. Da gab es auch geografische Profile, aber beide Parteien bemühten sich auch um Wähler auf der jeweils anderen Seite dieses Gegensatzes und konnten diesen deshalb entschärfen. Nun stellt sich die Frage: Was passiert, wenn Parteien ein eindeutiges geografisches Profil haben, aber keine Fähigkeit besitzen, diese politischen Räume zu überbrücken?

„Wahlentscheidungen sind ja nicht nur ein Ausdruck von Präferenzen, sondern haben auch viel damit zu tun, welche Optionen überhaupt im Angebot sind.”

Eines der Länder, in denen sich der Stadt-Land-Gegensatz am stärksten widerspiegelt ist Frankreich. Die Gelbwesten formieren sich 2018 als Protestbewegung des ländlichen Raums. Was ist das Besondere an Frankreich?

Deutschland verfügt wegen seiner späten Einigung und durch den Föderalismus über viele Zentren. In Frankreich hingegen ist der Gegensatz zwischen Paris und dem Land deckungsgleich mit Zentrum und Peripherie. Die Gelbwesten mit ihrem Kristallisationspunkt steigender Benzinpreise sind ein Ausdruck dieses Gegensatzes.

Die erste Runde der Präsidentschaftswahlen scheint die These zu bestätigen. Macron gewinnt die Städte, Le Pen die abgehängte Peripherie. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Der rechtsextreme Eric Zemmour ist auch in großbürgerlichen Gegenden in Paris stark, der Linke Jean-Luc Mélenchon gewinnt in der Grünen-Hochburg Straßburg. Was sagt uns das?

Mir scheint, wir sollten den ersten und zweiten Wahlgang getrennt betrachten. Wahlentscheidungen sind ja nicht nur ein Ausdruck von Präferenzen, sondern haben auch viel damit zu tun, welche Optionen überhaupt im Angebot sind. Le Pen ist stark in abgehängten ländlichen Regionen und schwach in den Metropolen, das passt. Das war schon 2017 so und wird auch im zweiten Wahlgang so sein. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums ist die Lage komplexer, weil es urbane Gruppen gibt, die nicht Macron gewählt und für Mélenchon gestimmt haben, vor allem junge Städter. Im zweiten Wahlgang fehlt diese Option jetzt und wir sehen einen deutlich simpleren Stadt-Land-Gegensatz, so ähnlich wie bei Biden gegen Trump in den USA. Für das liberaldemokratische Lager geht es darum, alle Stimmen gegen eine radikale Rechte zu bündeln.

„Die schweizerische Infrastruktur ist perfekt, dennoch gibt es extrem starke Stadt-Land-Unterschiede bei den Volksabstimmungen. Nur der Ausbau von Infrastruktur wird also nicht reichen.”

Wie ließe sich der Stadt-Land-Gegensatz entschärfen – nicht nur in Frankreich? Durch den Ausbau der Infrastruktur?

Ich halte die Idee gleichwertiger Lebensverhältnisse generell für ein sehr sinnvolles Ziel. Ich bin allerdings nicht sicher, wie gut es dadurch gelingt, politische Polarisierungen zu minimieren. Ich arbeite und lebe in der Schweiz. Die Infrastruktur hier ist perfekt, dennoch gibt es extrem starke Stadt-Land-Unterschiede bei den Volksabstimmungen. Nur der Ausbau von Infrastruktur wird also nicht reichen. Es kommt auch auf ein personelles Angebot an, das über den Graben hinwegwirkt.

Was bedeutet das konkret?

Entschärfung durch die politischen Eliten scheint mir der hoffnungsvollere Ansatz zu sein als nur allein auf den Ausbau der Infrastruktur zu hoffen. Das heißt: Haben die Grünen jemand im Angebot, der die Sprache des anderen Lagers spricht. Aber auch: Bleibt die CDU eine Partei, die über ihre ländliche Basis hinweg signalisiert, wir nehmen Anliegen der Städter auf.

„Die Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte hin zu einer Wissensökonomie in den Städten ist schon sehr stark. Das wird sich nicht so schnell nicht wandeln.”

Die Pandemie hat das Homeoffice etabliert, vor allem junge Familien ziehen raus aufs Land. Ist das ein dauerhafter Trend?

Krisen erzeugen gern die Vorstellung, jetzt erfolgt ein radikaler Bruch. Aber die Beharrungskräfte sind nicht zu unterschätzen. Die Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte hin zu einer Wissensökonomie in den Städten ist schon sehr stark. Das wird sich nicht so schnell nicht wandeln. Die Tendenz zum Homeoffice verringert zwar den Druck auf Firmen und Beschäftigte, in Städte zu ziehen. Aber ich bin eher skeptisch, ob sie bisherige Trends umkehren kann.: Zoom und Teams können das persönliche Treffen nicht ersetzen. Das haben nach zwei Jahren Pandemie viele erkannt. Der persönliche Austausch bleibt wichtig. Das spricht eher für die Städte.

Der Chiphersteller Intel investiert 17 Milliarden Euro in Magdeburg, Autobauer Tesla zieht es nach Grünheide, der Batterieproduzent CATL nach Erfurt. Profitiert der abgehängte Osten jetzt von einem Standortvorteil: Raum? Und kann das die Abwanderung stoppen?

Die Strategie funktioniert dort besonders gut, wo es eine Universität gibt. Grünheide ist nahe an Berlin, auch Erfurt und Magdeburg verfügen über Hochschulen. Das sind aber bereits prosperierende urbane Zentren. Insofern: Hilft es dem Osten gegenüber dem Westen? Ja! Hilft es dem Land gegenüber der Stadt? Eher nein!

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Der Wissenschaftler: Lukas Haffert, Jahrgang 1988, hat in Münster, St. Gallen und Köln Volkswirtschaft und Politikwissenschaft studiert. Er forscht und lehrt an der Universität Zürich.

Die Studie: In seinem jüngsten Buch „Stadt. Land. Frust.” (C.H.Beck, 14.95 Euro) hat Haffert die politischen Folgen des zunehmenden Gegensatzes zwischen Stadt und Land untersucht. Er warnt davor, dass Parteien nur lokale Identitäten bedienen.

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