„Dieses immense Maß an Selbststrenge hat mich überrascht“

Bestsellerautor Torsten Körner schaut auf 16 Jahre Kanzlerschaft von Angela Merkel zurück, ihre Herkunft aus dem Osten und ihre Wandelbarkeit
Prägende Figur: 16 Jahre lang hat Angela Merkel Deutschland regiert. (Bild: MIH83)
Prägende Figur: 16 Jahre lang hat Angela Merkel Deutschland regiert. (Bild: MIH83)

Die Kanzlerschaft von Angela Merkel war eine Kanzlerschaft der vielen ersten Male: Sie war die erste Bundeskanzlerin Deutschlands. Sie war die erste Ostdeutsche in diesem Amt. Und die erste Person, die nach der Gründung der Bundesrepublik geboren ist. Fast hätte sie auch so lange wie niemand zuvor regiert. 16 Jahre hat Angela Merkel Deutschland geprägt. Zum Jahresabschluss schauen wir auf diese Zeit zurück.

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Der Dokumentarfilmer und Spiegel-Bestsellerautor Torsten Körner hat sich 2016 für seinen Film „Die Unerwartete“ erstmals intensiv mit Angela Merkel befasst und ihre stete Anpassungsfähigkeit an das Unvorhergesehene beschrieben. Ein Jahr später folgte der Film „Drei Tage im September“ über Merkels Flüchtlingspolitik. Sein Film „Die Unbeugsamen“ über Frauen in der deutschen Politik kam im Sommer in die Kinos.

Mit „Die Kanzlerin am Dönerstand. Miniaturen aus dem Leben von Angela Merkel“ hat Körner nun eine feine Beobachtung von Episoden aus dem Leben der Politikerin vorgelegt, die sich zu einem beeindruckenden Gesamtbild fügen. Ein Interview über Merkels Wandelbarkeit, ihren Hang zum Kino und ihre Unbestechlichkeit – selbst bei Freikarten fürs Theater.

Herr Körner, Sie haben für Ihr neues Buch mit so unterschiedlichen Leuten wie Volker Kauder und Günther Jauch gesprochen. Nach all den Recherchen und Archivstudien – was hat Sie selbst am meisten überrascht?

Die Selbststrenge dieser Frau, ihre Fähigkeit, sich zu kontrollieren, ihre Emotionen meistens im Griff zu haben und selbst den größten Quälgeistern immer wieder die Hand zum Dialog auszustrecken, das hat mich überrascht, dass dieses immense Maß an Selbstverzicht durch die Jahre hielt.

Autor Torsten Körner

Torsten Körner, geboren 1965 in Oldenburg, hat Germanistik und Theaterwissenschaften studiert. Zuletzt erschien sein Buch „Die Kanzlerin am Dönerstand. Miniaturen aus dem Leben von Angela Merkel“. Verlag: Kiwi. 20.00 Euro. (Foto: Kiwi/Heinrich Benjamin)

Sie befassen sich eingehend mit Merkels Kindheit in der ostdeutschen Uckermark. Inwiefern war das Aufwachsen im protestantischen Pfarrhaus prägend?

Angela Merkel ist nicht in einem typischen Pastorenhaushalt aufgewachsen, weil der Vater mehr Pädagoge als Pastor war. Horst Kasner leitete eine Ausbildungsstätte auf dem Waldhof in Templin. Geprägt hat sie der Leistungswille der Eltern, die tägliche Begegnung mit behinderten Menschen dort, das Aufwachsen auf dem Land. Angela Merkel hat damals gelernt, Menschen zu lesen, Worte und Texte auf Zwischentöne abzuklopfen und vorsichtig zu sein. Sie ist auf dem Waldhof eine gute Lebensbeobachterin geworden, auch eine Naturfreundin und bodenständige Person.

Merkels Verhältnis zu ihrer Mutter Herlind Kasner galt als eng. Sie beschreiben deren Rolle als „abwesende Anwesende“. Was verstehen Sie darunter?

Herlind Kasner war Pädagogin, durfte es in der DDR als Frau eines Pastors aber nicht sein. Sie war Hamburgerin ohne Hamburg, eine Mutter ohne ihre Herkunftsfamilie, die überwiegend im Westen lebte. Sie war also geübt im Selbstverzicht und daher einerseits stets für die Tochter da. Andererseits hat die Tochter gelernt, dass man mitunter im Leben auf vieles verzichten muss, Selbstverzicht üben muss, um zu bestehen. Die Mutter bestand also aus ganz viel Nähe, aber in dieser Nähe steckte eben auch Ferne, nämlich die durch die Teilung abgespaltene Identität.

“Angela Merkel ist ein sehr empathischer Mensch, ein sehr emotionaler Mensch, den jedoch die private Person Merkel nicht oder selten in die politische Arena führte.”

Merkels Beziehung zu ihrem Vater Horst Kasner galt als unterkühlt. Der Pastor war 1954 aus Hamburg in seine brandenburgische Heimat übergesiedelt. Seiner Tochter, so schildern Sie es, beschied er zu deren 30. Geburtstag in ihrer kargen Berliner Wohnung „Weit hast du es ja nicht gebracht!“. Wie lässt sich das Verhältnis beschreiben?

Horst Kasner war oft abwesend und die Tochter, so hat sie es selbst geschildert, war enttäuscht über dieses Ausbleiben. Der Vater war eine Autorität, charismatisch und er hat die Kinder spüren lassen, dass er von ihnen Besonderes erwartet. Er war kein Wärmepol in der Familie, sondern das abwesende Vorbild, der – auch das hat die Tochter angemerkt – oft mehr Zeit für andere Menschen hatte, weil er mit seiner Arbeit verheiratet war.

Sehr eindrucksvoll schildern Sie Merkels Beziehung zum Kino. Besonders zum DDR-Klassiker „Paul und Paula“, eine Verfilmung nach einem Roman von Ulrich Plenzdorf. Was faszinierte sie an diesem Film?

Angela Merkel ist ein sehr empathischer Mensch, ein sehr emotionaler Mensch, den jedoch die private Person Merkel nicht oder selten in die politische Arena führte. „Paul und Paula“ ist ein systemsprengender Film, weil die Liebe alle Alltagspflichten im Sozialismus aushebelt, weil der Funktionär Paul seine Karriere riskiert oder sogar aufgibt, um dieser Liebe gerecht zu werden. Er ist – aus Liebe – ein Systemaussteiger und ein Liebeseinsteiger und es ist doch interessant, dass Angela Merkel diesen Film zu ihrem Lieblingsfilm erklärt. Das korrespondiert auch mit der Musikauswahl zum Großen Zapfenstreich: Hildegard Knef und Nina Hagen, zwei Partisaninnen des Gefühls.

“Merkel wurde durch die Geschichte nach oben katapultiert. Ihre Aufstiegsgeschwindigkeit ist auch noch im Rückblick frappierend.”

Merkel ist selbst Gegenstand eines Romans geworden. Ihr DDR-Forscherkollege Michael Schindhelm hat sie nach der Wende in seinem Buch „Roberts Reise“ verewigt und ihr 1990 in einer Buchwidmung geraten: „Geh ins Offene“. Inwieweit war Merkel mutig?

Ich finde es mutig so einen radikalen Stellungswechsel zu vollziehen, in eine westdeutsche Männerpartei einzutreten und sich dort im Schatten Helmut Kohls zu behaupten, zu lernen und all die selbstgefälligen Alphatiere des CDU-Zoos zu studieren. Das muss ja für eine ostdeutsch geprägte, selbstbewusste junge Frau ein immenser Kulturschock gewesen sein, dieses verzopfte Milieu, diese selbstgewissen Westdeutschen, die den Ostdeutschen beinahe alles abverlangten, aber sich selbst wenig ändern wollten.

Von Christian Wulff bis Günther Oettinger, die Liste der Männer, die Merkel in CDU und CSU hinter sich ließ ist lang. Ein gespanntes Verhältnis pflegt sie zu Wolfgang Schäuble. Beide wurden zusammen im Kino bei „Ziemlich beste Freunde“ gesehen. Was prägt dieses Verhältnis zwischen diesen beiden Pflicht-Protestanten?

Die Beziehung zwischen Schäuble und Merkel finde ich schon faszinierend, und ich müsste länger drüber nachdenken, um das gut zu beantworten. Schäuble denkt vermutlich mehr in Parteikoordinaten als Merkel, die flexibler ist. Er war der natürliche Nachfolger Helmut Kohls und ich denke, er staunt noch heute über diese Frau aus dem Osten.

Die auf den arrivierten West-Politiker trifft…

Schäuble hat den Einigungsvertrag ausgehandelt, aber Merkel war die erste Gesamtdeutsche im Bonner Kabinett und hat mehr als alle anderen von der Wiedervereinigung profitiert. Während Schäuble von der Historie nach unten gezogen wurde, wurde Merkel durch die Geschichte nach oben katapultiert. Während Schäuble die ganze lange Parteilaufbahn hinter sich brachte, schoss Merkel geradezu nach oben. Ihre Aufstiegsgeschwindigkeit ist auch noch im Rückblick frappierend.

“Angela Merkel ist keine Puristin, vielmehr ist sie eine Anwältin des Kompromisses und eine radikale Realistin.”

Lassen Sie uns bei Merkels Offenheit für Neues bleiben. Sie haben sich mit Merkels Krisenmanagement befasst. Wie geht sie an eine Lösung heran?

Sie beobachtet, sie wartet, sie bündelt, sie bespricht sich mit sich selbst und anderen, dann entscheidet sie.

Zuletzt überraschte Merkel mit einigen Geständnissen. Im Frühjahr erzählte sie im Bundestag, im Westen hätte sie wohl auch Jura studiert. Vaclav Havel hatte in „Versuch in der Wahrheit zu leben“ darauf hingewiesen, dass viele Ost-Intellektuelle aus den ideologisch nicht zu vereinnahmenden Naturwissenschaften kommen. Wie sehr prägten die Naturwissenschaften die spätere Kanzlerin?

Sie hat als Naturwissenschaftlerin einen sachlichen Umgang mit Problemen, sie ist komplexe Operationen gewohnt, sie weiß, dass viele Akteure unterwegs sind und dass man alle Akteure, ihre Motive und ihre Bewegungsgeschwindigkeiten studieren muss. Ich denke, sie studiert Probleme und betrachtet sie aus verschiedenen Perspektiven, das heißt sie schaut sich das Interessenkalkül der Gegenseite an und akzeptiert es erstmal. Genauso wie sie zum Selbstverzicht fähig ist, ist sie fähig zum Positionsverzicht, sie ist keine Puristin, vielmehr ist sie eine Anwältin des Kompromisses und eine radikale Realistin.

Merkels Mann Joachim Sauer ist als Spitzenforscher den Naturwissenschaften verhaftet geblieben. Was wissen wir über das „Phantom der Oper“?

Wenig. Er schweigt.

“Ihre Hände, die Raute, sprechen von Stabilität, von Symmetrie und dem Versuch, sich immer wieder aus- und einzupendeln.”

Legendär ist Merkels Hang zur Kartoffelsuppe. Der frühere DGB-Chef Michael Sommer soll vor Treffen mit ihr im Kanzleramt gestöhnt haben: „Nicht schon wieder Kartoffelsuppe.“ Woher rührt Merkels Leidenschaft für das Gericht?

Die Kartoffelsuppe ist ein bodenständiges Gericht und erinnert den Menschen daran, dass die Erde uns nährt und schließlich auch umfängt – schlussendlich. Aber im Ernst, die Kartoffelsuppe ist wohl Heimatspeise.

Ein weiteres Charakteristikum ist Merkels Raute, die sie spontan in einer Session mit der Fotografin Herlinde Koelbl entwickelte. Wie deuten Sie Merkels Gestik und Fingerspiel?

Merkels Hände sind durch die Jahre landauf landab durch die Bundesrepublik und dann durch die ganze Welt gezogen. Die Hände wurden selbstbewusster im Lauf der Jahre und gestenreicher. Sie wurde aber nie eine Hand-Virtuosin, wie etwa Barack Obama, dessen Hände ja mitunter tanzen, wenn er spricht. Ihre Hände, die Raute, sprechen von Stabilität, von Symmetrie und dem Versuch, sich immer wieder aus- und einzupendeln.

Merkel war als Familienministerin Kohls Mädchen, als Kanzlerin war sie rasch Mutti, nach der Eurokrise Mrs. Europa. Wie würden Sie ihr Standing beschreiben?

Merkel ist eine faszinierende Politikerin, weil sie nie der Versuchung erlegen ist, all den Titeln und Zuschreibungen zu erliegen. Wenn sie durch Begriffe wie „Kohls Mädchen“ gekränkt war, hat sie es sich nicht anmerken lassen. Und wenn sie zur „Leaderin of the free world“ erkoren wurde, hat sie das möglicherweise gefreut, aber letztlich hat sie wohl innerlich den Kopf geschüttelt über so viel begrifflichen Gigantismus. Superlative haben ihr nie gelegen und das macht ihre Stärke aus. Es gibt so viele selbsttrunkene Politiker, Raffzähne des eigenen Ruhms, egopralle Gockel, da hat sie immer überzeugt durch nüchterne Selbstbescheidung.

“Angela Merkel wird sich leichter tun als viele Vorgänger, dieses Amt loszulassen. Sie klebt nicht an der Kanzlerin.”

Wie würden Sie Merkels Deutschland-Bild umschreiben?

Angela Merkel hat sicher kein Hurra-Patriotisches Bild von Deutschland. Sie steht ja sehr zur Erinnerungsverantwortung. Sie drückt sich nicht um die deutsche Geschichte, sondern setzt auf ein aktives Erinnern der NS-Verbrechen als Bestandteil der Gegenwartsverantwortung. Sie ist eine leise Deutsche und hat gerade dadurch Deutschlands Macht gemehrt, weil sie wusste, dass Deutschlands Gewicht kleineren Ländern schmerzhaft auf die Füße fallen kann.

Zum Herbst 2015, den Sie auch in Ihrem Film „Drei Tage im September“ beleuchten: Was trieb Merkel damals während der Flüchtlingskrise an? Oder anders gefragt: Wie sehr prägte sie ihre Grenzerfahrungen der DDR?

Die Gründe für ihre Flüchtlingspolitik sind vielfältig und sicher nicht auf rein emotionale und christlich inspirierte Humanität zu reduzieren. Im Gegenteil, es war eine Abwägung. Bei der spontanen Aufnahme der Flüchtlinge im September hat Humanität eine Rolle gespielt, aber in den Wochen danach die Sorge um die Stabilität der osteuropäischen Länder und die Verteidigung des offenen Schengen-Raums. Und was wäre die Alternative gewesen? Ein Schließen der Grenze? Das hätte massiven Schaden für Deutschland, aber eben auch für Österreich, Ungarn, Griechenland und andere Südeuropäer bedeutet. Hier wurde eine Eskalation verhindert, die Europa in weit höherem Maße hätte destabilisieren können. Wer Merkels Flüchtlingspolitik kritisiert, hat meistens keine Alternativen im Gepäck.

Wird das Land Merkel vermissen?

Die Deutschen sind in dieser Frage weder zu generalisieren noch auf einen Nenner zu bringen. Viele Deutsche werden erst im Rückblick erkennen, wer diese Politikerin war und sicher wird es auch viele Menschen geben, die ihren Politikstil vermissen werden. Angela Merkel jedoch wird sich leichter tun als viele Vorgänger, dieses Amt loszulassen. Sie klebt nicht an der Kanzlerin.

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