Sag’, wie hast du’s mit der Wissenschaft?

Bei einer Tagung der Augstein-Stiftung in Berlin wurde das Verhältnis von Forschung, Journalismus und Politik in der Pandemie diskutiert – ein Fazit.
Bei der Tagung der Augstein-Stiftung wurde über Forschung, Journalismus und die Politik in Corona-Zeiten diskutiert. (Symbolbild: Shelagh Murphy)
Bei der Tagung der Augstein-Stiftung wurde über Forschung, Journalismus und die Politik in Corona-Zeiten diskutiert. (Symbolbild: Shelagh Murphy)

Viola Priesemann blieb freundlich, aber doch auch bestimmt. „Wer ist infektiöser: gegen Corona-Geimpfte oder Ungeimpfte?”, wollte die Forscherin vom Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation von Moderator Jakob Augstein wissen. Der gestand, er fühle sich ein wenig wie in der mündlichen Abi-Prüfung in Biologie. „Aber immerhin hatte ich eine Zweiminus.” Half nichts: Priesemann, promovierte Physikerin, ließ nicht locker, hantierte kurz mit Zahlen und Probabilitäten und stellte unmissverständlich fest: Ungeimpfte stellen das höhere Infektionsrisiko dar.

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Der kleine Schlagabtausch zwischen Forscherin Priesemann und Publizist Augstein ereignete sich Anfang November auf der Berliner Tagung „Follow the Science – Aber wohin?” der Rudolf-Augstein-Stiftung. Sie versuchte der Beziehung zwischen Wissenschaft, Journalismus und Demokratie nachzuspüren. Um es vorweg zu sagen: Das Verhältnis zwischen Forschung und Journalismus ist besser als angenommen. Aber nicht unproblematisch. Das ergaben zwei Studien, die auf der Konferenz vorgestellt wurden.

Studie: Talkshows in der Pandemie zu regierungsfixiert

Der renommierte Politologe Thorsten Faas von der FU Berlin präsentierte seine Studie „Corona-Sprechstunde mit Maybrit Illner, Anne Will & Frank Plasberg” zur Rolle von TV-Talkshows in der Pandemie. „Die starke Exekutivorientierung bei Gästen und Themen ist das, was sich am stärksten hinterfragen lässt”, monierte Faas eine zu starke Konzentration auf das Regierungshandeln und zu wenige konträre Positionen.

So ging es laut der Untersuchung in den insgesamt 112 Talkrunden zur Pandemie im Studienzeitraum vom Januar 2020 bis Juli 2021 überwiegend um die von Bund und Ländern besiegelten Maßnahmen wie Schulschließungen, weniger um wissenschaftliche Aspekte der Pandemie. Über die getroffenen Beschlüsse diskutierten vorwiegend Vertreter der Regierungsparteien Union (79 Teilnahmen) und SPD (87 Auftritte, allein der SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach kam auf 22 Einladungen). Die damalige Opposition von FDP, Grünen und Linke kam zusammen nur auf 62 Auftritte.

Angesichts der TV-Dominanz der großen Koalition überrascht nicht, dass die eingeleiteten Corona-Maßnahmen in den Talkrunden positiv gesehen wurden (75 Prozent zustimmende Einlassungen). Die TV-Talkshows waren zu regierungsfixiert, nichts also mit den Talkshows als Debattenort.

Berichterstattung war überwiegend sachlich

Marcus Maurer, Professor für Politische Kommunikation an der Gutenberg-Universität in Mainz, stellte die Ergebnisse seiner Studie „Einseitig, unkritisch, regierungsnah?” über die Qualität der Berichterstattung während der Pandemie vor. Knapp zweitausend Beiträge aus elf Medien in der Zeit zwischen Januar 2020 bis April 2021 werteten Maurer und sein Team aus.

Das Ergebnis: „Die Berichterstattung war regierungsnah, aber nicht unkritisch”, so Maurer. Vor allem die Einrichtung der Ministerpräsidentenkonferenz wurde medial kritisch gesehen. Die Berichterstattung sei überwiegend sachlich gewesen. Am sachlichsten berichtete demnach die Tagesschau (knapp 70 Prozent erklärende Beiträge), am emotionalisten ging es in den ARD-Sondersendungen „Corona extra” zu und her mit knapp 65 Prozent emotionalen Einlassungen.

Noch etwas stellten Maurer und sein Team fest: ein gravierendes Missverständnis in den Medien über wissenschaftliche Arbeitsweisen. „Prognosen wurden weitgehend als sicher eintretend dargestellt”, so Maurer. Nichts mit der wichtigen Erkenntnis: Alles Wissen ist vorläufig! Wie hast du’s mit der Wissenschaft? Das romantische Deutschland kriegt Sehnsucht nach der Wiener Schule.

Wo endet die Wissenschaft, wo beginnt die Politik?

Was folgt daraus – nicht nur für den (Wissenschafts-)Journalismus, sondern auch für die Politik, die das Vorgehen während der Pandemie stetig mit Studien begründete?

Wissenschaft müsse Handlungsoptionen aufzeigen, aber sollte keine Handlungszwänge vorgeben, sagte Alexander Bogner vom Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Kanzler Gerhard Schröder hatte als erster die politische Entscheidungsfindung in Expertengremien ausgelagert: 2001 berief er den Ethikrat ein.

Kritiker hatten damals vor einer Delegitimierung des Politischen gewarnt. Bogner sieht die Tendenz zur Epistemisierung des Politischen weniger kritisch. Wissenschaften müssten Handlungsoptionen aufzeigen, sollten aber keine Handlungszwänge vorgeben, sagte er. Es gehe darum, den „Expertendissens zu institutionalisieren und ihn produktiv zu machen.” Sonst drohten „politische Fragen als Wissenschaftsfragen missverstanden zu werden”.

Warnung vor der Moralisierung der Wissenschaft

Während die Politik bei ihren Entscheidungen zunehmend auf die Wissenschaft setzt, warnte Caspar Hirschi, Historiker der Universität St. Gallen, vor einer gegenläufigen Tendenz: die Moralisierung der Wissenschaft. „Follow the Science”, lautet das Leitmotiv der Klimabewegung „Fridays for Future”. Hirschi hatte zuletzt Kritik an einer Arbeit der Nationalen Akademie der Wissenschaften in der Corona-Krise geübt. Diese war in seinen Augen ein Gefälligkeitsgutachten. „Das Problem ist nicht, dass Politik moralisch wird, das war sie immer. Das Problem ist, dass Moral im Wissen versteckt wird”, so Hirschi. Während die Politik versuche, ihr Handeln mit Wissen zu legitimieren, laufe die Wissenschaft Gefahr, wertbasiert instrumentalisiert zu werden.

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