Nachhaltiges Investieren: Konzentrieren statt diversifizieren?

Die meisten Finanzprofis raten zu stark diversifizierten Portfolios. Warum das bei nachhaltigem Investieren nicht funktioniert.
Nachhaltiges Investieren: Absage ans Diversifizieren? (Foto: Thomas Richter)
Nachhaltiges Investieren: Absage ans Diversifizieren? (Foto: Thomas Richter)

Seit 1999, meinem Start in der Finanzbranche, habe ich sehr viel gelernt. Im ersten Finanzjob sollte ich die besten Private Equity-Fonds weltweit suchen. Später kamen auch Hedgefonds, Immobilien- und Infrastrukturfonds hinzu. Jeder Fonds hat mehrere Investments getätigt, wir haben die Fonds zu Dachfonds gebündelt und unsere Kundenberater haben Anlegern geraten, in möglichst viele unterschiedliche Anlagesegmente zu diversifizieren. So konnte eine relativ gute Diversifikation erreicht werden.

In der großen Finanzmarktkrise von 2008 hat das aber nicht viel geholfen. Fast alle Anlagesegmente haben stark an Wert verloren haben. Nicht-börsennotierte Anlagen konnten nicht einmal mit hohen Wertverlusten verkauft werden. Auch aktiv gemanagte Investmentfonds waren in 2008 meistens schlechter als ihre Benchmark. Seitdem habe ich fast nur noch kostengünstige und breit gestreute Exchange Traded Funds (ETFs) gekauft.

Best-in-Class kann beim nachhaltigen Investieren schlecht sein

Nach drei Jahren als Geschäftsführer eines ETF-Dachfondsanbieters habe ich mich 2015 selbstständig gemacht. Zuerst habe ich ein ETF-Portfolio entwickelt, mit dem ich illiquide Investments wie Immobilien, Infrastruktur und Private Equity mit ETFs aus Aktien aus diesen Segmenten abgedeckt habe. Dieses Portfolio habe ich zusätzlich soweit möglich mit den aus meiner Sicht nachhaltigsten ETFs nachgebaut.

Zur Person

Dirk Söhnholz ist Geschäftsführender Gesellschafter der Soehnholz ESG GmbH, Anbieter von Pure ESG und SDG Modellportfolios (B2B), und der Soehnholz Asset Management GmbH, Berater eines Art. 9 (SFDR) Investmentfonds. Zudem ist Söhnholz als Honorarprofessor für Asset Management an der Universität Leipzig und Finanzblogger (www.prof-soehnholz.com) tätig. Zuvor hat er u.a. bei Boston Consulting Group, Feri Alternative Assets, Feri Institutional Advisors und Veritas Investment gearbeitet.

Bei der Durchschau der strengsten derartigen ETFs habe ich aber immer noch viele Aktien und Anleihen gefunden, die mir nicht nachhaltig genug waren, zum Beispiel von fossilen Energieversorgern. Noch heute gibt es keine nachhaltigen ETFs, die mich konzeptionell und inhaltlich voll überzeugen. Das liegt vor allem daran, dass sogenannte Best-in-Class Ansätze genutzt werden. Dabei werden aus vorab definierten Anlagesegmenten, wie traditionellen Energieversorgern, die nachhaltigsten in den Index beziehunsweise ETF aufgenommen.

Ich möchte aber nur die branchenunabhängig nachhaltigsten Wertpapiere im Portfolio haben. Dazu müssten ETFs einen Best-in-Universe Ansatz nutzen. Das würde aber dazu führen, dass manche Branchen oder auch Länder gar nicht mehr im Index vertreten wären. Das möchten Indexanbieter vermeiden, denn sie streben in der Regel eine möglichst breite Diversifikation an. Auch sehr viele große sogenannte aktive Fonds nutzen Best-in-Class statt Best-in-Universe Selektionen.

Nachhaltig investieren: Streubombenhersteller mit guten ESG-Ratings?

Entgegen meiner ursprünglichen Planung habe ich deshalb zusätzlich Portfolios aus einzelnen besonders nachhaltigen Aktien entwickelt. Die meisten nachhaltigen ETFs und sehr viele aktive Fonds nutzen aggregierte ESG-Mindestratings. Dabei kann ein gutes Governance-Rating ein schlechtes Umwelt- oder Sozial-Rating kompensieren. Das möchte ich möglichst ausschließen. Außerdem habe ich relativ hohe Mindestanforderungen an die Umwelt-, Sozial- und Governance-Ratings (ESG).

Theoretisch können auch Produzenten von Streubomben gute ESG-Ratings erhalten. ESG-Ratings messen nämlich die entsprechenden Risiken für Unternehmen und nicht die Risiken für das Unternehmensumfeld. Einige Fondsanbieter schließen deshalb Wertpapiere von Unternehmen aus, deren Umsätze bestimmte Schwellen überschreiten. Ich habe eine Nulltoleranzgrenze für etliche Aktivitäten wie Rind- und Schweinefleischproduktion.

Zusätzlich habe ich Portfolios entwickelt, deren Produkte beziehungsweise Dienstleistungen möglichst gut mit den nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen (SDG) vereinbar sind. Dabei nehme ich typischerweise nur 30 Aktien in meine Portfolios auf. Viele Länder und Branchen sind deshalb nicht in den Portfolios vertreten.

Streng nachhaltige Portfolios müssen konzentriert sein

Das ist ganz anders als bei anerkannten Indizes, die teilweise hunderte von Unternehmen enthalten. Aber streng nachhaltige Portfolios müssen konzentriert sein. Wenn man mit der nachhaltigsten Aktie startet und dann nach und nach die nächstnachhaltigen aufnimmt, reduziert jede zusätzliche Aktie die durchschnittliche Nachhaltigkeit des Portfolios.

Anbieter großer Fonds mögen Diversifikation, weil sie ihr Geld dann über viele Wertpapiere streuen können. Aber schon ab relativ wenigen zufällig zusammengestellten Aktien bringt eine weitere Diversifikation nur eine sehr geringe zusätzliche Risikosenkung. Das zeigt sich auch in der Praxis. Die Renditen und Risiken der meisten meiner Portfolios sind trotz ihrer Nachhaltigkeitsfokussierung bisher ziemlich gut.

Die Definition nachhaltiger Investitionen kann sehr unterschiedlich sein

Schon ab August müssen alle Anleger gefragt werden, ob – und falls ja, wie – sie nachhaltig anlegen wollen. Dafür ist es wichtig zu wissen, dass Nachhaltigkeit sehr unterschiedlich definiert werden kann. Je nach maßgeblichen Nachhaltigkeitskriterien können sich so sehr unterschiedliche Portfolios ergeben.

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Inzwischen gibt es günstige Software, die es sogar Privatanlegern ermöglicht, einfach nach individuellen Nachhaltigkeitskriterien gebildete Portfolios zusammenzustellen und zu testen. Es gibt allerdings ein Problem: Wegen der hohen Kurse einzelner Aktien sind auch bei nur 30 Aktien für die Umsetzung immer noch einige tausend Euro an Anlagevolumen nötig. Wenn man die Wertpapiere wie bei einem Einmalinvestment in Indizes nur ein Mal pro Jahr handelt, muss man dafür aber nur wenig Zeit investieren.

Nachhaltig investieren mit maßgeschneiderten Portfolios?

Theoretisch kann man Profis mit der Entwicklung und Verwaltung individueller Portfolios beauftragen. Manche machen das schon ab relativ kleinen Anlagesummen, wenn man nur Fonds nutzt. Aber individuelle Portfolios aus einzelnen Wertpapieren werden entweder gar nicht angeboten oder man muss auch für nur 30 Wertpapiere mindestens eine Million Euro anlegen.

Die meisten Finanzprofis raten zu stark diversifizierten Portfolios aus Fonds großer Anbieter. Das könnte künftig schwieriger werden. Individuelle konzentrierte Nachhaltigkeitsportfolios werden wichtiger werden.

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