„Firmen müssen überlegen, wie sie auf ein EU-Embargo gegen China reagieren”

Wie sollte Deutschland auf ein Embargo der EU gegen China reagieren? Ein Gespräch mit dem Ökonom Achim Wambach.
Prof. Achim Wambach, Leiter des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. (Foto: Anna Logue Fotografie)
Prof. Achim Wambach, Leiter des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. (Foto: Anna Logue Fotografie)

Der Ukraine-Krieg, die Corona-Pandemie und die steigende Inflation bringen das deutsche Wirtschaftsmodell zum Wanken. Wie sollte Deutschland auf ein Embargo der EU gegen China reagieren? Ein Gespräch mit dem Ökonom Achim Warmbach.

Besonders in Baden-Württemberg, aber nicht nur dort, läuft die Debatte über die Zukunftsfähigkeit des deutschen Wirtschaftsmodells. Der russische Krieg in der Ukraine und die Corona-Lockdowns in chinesischen Metropolen werfen Schlaglichter darauf, dass hierzulande viele Unternehmen von Importen und Exporten zweier Diktaturen leben. Herr Wambach, steht das deutsche Erfolgsrezept insgesamt in Frage?

Zwei große Transformationen sind bereits im Gang – die Energiewende und die Digitalisierung. Nun kommen die Herausforderungen der Sicherheits- und Geopolitik hinzu. Gerade die Industrie wird sich neu erfinden müssen. Die deutsche Wirtschaft hat sich bislang schon mehrfach weiterentwickelt, das muss sie auch jetzt tun.

Beispielsweise Mercedes verbraucht derzeit noch russisches Erdgas und verdient mit seinen Luxusautos in China Milliarden Euro. Was könnte sich daran ändern?

Die Zeit der billigen Energie ist vorbei. Flüssiggas oder grüner Wasserstoff als Alternativen zum russischen Erdgas sind deutlich teurer. Im Hinblick auf den Export spricht nichts dagegen, mit China Handel zu treiben. Das ist eine der größten Wirtschaftsregionen der
Welt, und eine der dynamischsten. Man kann sich die Handelspartner nicht nach den eigenen Vorstellungen formen. Aber die Sicherheitsfragen stellen sich neu. Wie abhängig ist eine Firma wie Daimler von China, was passiert, wenn Lieferketten nicht funktionieren? Sollte man sich nicht mehr auf andere Märkte hin orientieren?

„Wir brauchen mehr Handelsverträge, zum Beispiel mit Nord- und Südamerika, mit Indien und weiteren Staaten.”

Also weniger Exporte nach China und auch weniger Produktion dort?

Nicht unbedingt. Eine Variante besteht darin, für den chinesischen Markt in China zu fertigen, für den europäischen aber in Europa. Hiesige Unternehmen wären dann weniger abhängig, wenn Lieferketten unterbrochen werden.

Das ist keine Bedrohung des Wirtschaftsmodells, sondern eher Strukturwandel.

Ein Strukturwandel ist es auf jeden Fall. Es wird einiges auf den Kopf gestellt. Wir sollten daraus aber nicht den Schluss ziehen, wir müssten in einem souveränen Europa alles selbst machen. Das wäre ein Denkfehler. Souveränität heißt, nicht abhängig zu sein. Das kann
bedeuten, Handel mit mehr Ländern zu betreiben und nicht von einem einzigen so stark abhängig zu sein wie bisher. Für die Politik heißt das: Wir brauchen mehr Handelsverträge, zum Beispiel mit Nord- und Südamerika, mit Indien und weiteren Staaten, damit unsere Unternehmen diese neuen Räume besser besetzen können.

„Es ist richtig, mindestens drei Prozent der Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung auszugeben.”

Nach der Weltfinanzkrise haben unter anderem der Internationale Währungsfonds, die Regierungen der USA und Frankreichs immer wieder verlangt, Deutschland solle weniger exportieren und mehr einführen, um andere Länder zu unterstützen. Kommt es nun dazu?

Nicht die Exporte an sich wurden kritisiert, sondern deren hoher Überschuss im Vergleich zu den Importen. Exportüberschuss geht aber immer auch einher mit Kapitalexport. Daran könnte sich langfristig sowieso etwas ändern, weil hier die Babyboomer in Rente gehen und ihr im Ausland angelegtes Kapital zurückholen. Das wird dazu führen, dass wir mehr importieren. So oder so werden wir aber eine exportorientierte Nation bleiben.

Deutschland ist auch deshalb so reich, weil viele hiesige Firmen hochentwickelte und teure Produkte herstellen und ausführen. Beispielsweise keine Container-, sondern Kreuzfahrtschiffe. Läuft dieses Wirtschaftsmodell grundsätzlich weiter?

Die Chancen stehen gut, wenn sich die hiesigen Unternehmen nicht ausruhen. Für die Autoindustrie sind etwa die Digitalisierung und die Konkurrenz durch Tesla, Google oder Apple eine echte Bedrohung. Außerdem müssen wir die Kurve hin zu den erneuerbaren Energien kriegen. Auf dem Weg, Erdgas durch grünen Wasserstoff zu ersetzen, braucht es
noch viele Innovationen. Aber darin liegt die Stärke der Marktwirtschaft. Daher ist es auch richtig, mindestens drei Prozent der Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung auszugeben.

„Bereits jetzt werden von der EU Investitionen von Firmen aus China schärfer kontrolliert.”

Rechnen Sie damit, dass die Politik die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland und China zunehmend reglementiert?

Sie wird nicht darum herumkommen. Bereits jetzt werden von der EU Investitionen von Firmen aus China schärfer kontrolliert. Und die EU will die Konkurrenz durch Unternehmen erschweren, die China subventioniert hat.

Müssten Unternehmen auch selbst mehr darauf achten, dass sie sich von autoritären Regimen nicht zu sehr abhängig machen?

Ja. Teilweise haben sie das bisher schon gemacht. Kaum ein Unternehmen verlässt sich nur auf einen Lieferanten, insbesondere wenn er aus einer politisch instabilen Region kommt. Aber mit den gewaltigen Problemen, die Corona, der russische Angriff und die massiven Sanktionen verursachen, haben sie so nicht gerechnet. Nun müssen die Firmen überlegen, wie sie etwa auf einen Angriff Chinas auf Taiwan und ein Embargo der EU gegen China reagieren würden.

„Wir haben wahrscheinlich – jedenfalls für eine gewisse Zeit – den Höhepunkt unseres Wohlstandes hinter uns”, sagte Unionsfraktionschef Friedrich Merz kürzlich. Schmälern teure Energie und Exportprobleme die Gewinne der Firmen, reduzieren sie die Steuereinnahmen des Staates und verringern insgesamt die Mittel, die die Gesellschaft für sinnvolle Investitionen und Lebensqualität ausgeben kann?

Kurzfristig mag das richtig sein. Mittelfristig stimme ich dem nicht zu. Beispielsweise in den nächsten zehn Jahren dürfte die deutsche Wirtschaft weiter deutlich wachsen – wie auch die Weltwirtschaft, die unsere Exporte aufnimmt. Wir reden nicht von einer schrumpfenden
Wirtschaftsleistung.

„Der Staat sollte nicht jeden Schock für alle auffangen. Er sollte gezielter die vulnerablen Haushalte fördern.”

Welche Rückschlüsse ziehen Sie für das deutsche Sozialmodell?

Im Moment herrscht eine Art Vollkasko-Mentalität. Die Energiepreise steigen, und der Staat unterstützt erst mal alle möglichen Gesellschaftsgruppen. Auf die Dauer ist das keine gute Politik. Der Staat sollte nicht jeden Schock für alle auffangen. Er sollte gezielter die vulnerablen Haushalte fördern.

In der Wachstumswirtschaft können alle gesellschaftlichen Gruppen aus dem Zuwachs befriedigt werden. Fällt dieser geringerer aus, muss die Politik auch an Umverteilung denken – beispielsweise Zuschüsse an Geringverdiener, finanziert aus höheren Kapitalsteuern für Wohlhabende. Werden wir mehr solche Debatten bekommen?

Nach der Weltfinanzkrise hatten wir eine höhere Staatsverschuldung als heute. Trotzdem konnten wir daraus herauswachsen, ohne die Steuern anzuheben. Das Rezept würde ich auch heute empfehlen. Jetzt geht es darum, den Fachkräftemangel zu verringern, etwa dadurch, dass der Zugang zu Bildung weiter verbessert und die Arbeitsbeteiligung
für Frauen einfacher wird. Es sollte das Ziel sein, eine bessere Absicherung vulnerabler Gruppen sowie die Reduktion der Schulden aus dem Wachstum heraus zu finanzieren.

 

Über Achim Warmbach

Achim Wambach, Jahrgang 1968, arbeitet als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Mannheim, leitet das dortige Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und berät die Bundesregierung als Mitglied der Monopolkommission. Er ist promovierter Physiker.

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