Sozialer Pflichtdienst: Pro und Contra

Die Ampel-Koalition diskutiert aktuell über einen sozialen Pflichtdienst. Pro und Contra ist ausreichend vorhanden. Ein Kommentar.
Aktuell wird diskutiert, ob junge Menschen einen sozialen Pflichtdienst leisten sollen. (Symbolbild: Helena Lopes)
Aktuell wird diskutiert, ob junge Menschen einen sozialen Pflichtdienst leisten sollen. (Symbolbild: Helena Lopes)

Kommt in Deutschland bald ein sozialer Pflichtdienst? Beim Ringen mit den richtigen Worten fängt die Diskussion bereits an. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht von einer „sozialen Pflichtzeit”. Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz von einer „allgemeinen Dienstpflicht”. Die Grüne Familienministerin Lisa Paus hingegen von einem „Eingriff in die individuelle Freiheit”. Und auch FDP-Justizminister Marco Buschmann sähe in einer Dienstpflicht einen „schweren Freiheitseingriff”. Worum geht es? Um die Frage, ob junge Menschen in diesem Land nach ihrem Schulabschluss circa ein Jahr ihrer Lebenszeit der Gesellschaft schenken sollen. Es geht also um Freiheit oder Pflicht.

Seit der Bundestag 2011 die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt hat, wabert dieser Gedanke immer mal wieder durch den öffentlichen Diskursraum. Wäre es nicht wünschenswert, ja, würde es einem jungen Menschen nicht sogar „gut tun” (Frank-Walter Steinmeier), zwischen der Schul- und der anschließenden Ausbildungszeit einen Zwischenstopp in der gesellschaftlichen Realität einzulegen? Also im sozialen, kulturellen oder ökologischen Bereich ein vertieftes Verständnis davon zu bekommen, dass es ohneeinander nicht geht? Für den sozialen Pflichtdienst gibt es Pro- und Contra-Argumente.

Sozialer Pflichtdienst: Frauen wären auch verpflichtet

Tatsächlich ist in der globalisierten Informationsgesellschaft, im Zeitalter des Click-Kapitalismus immer wieder zu spüren, dass jungen Menschen mitunter der feste Grund unter den Füßen fehlt. Der Gedanke, dass sie erfahren, dass Zusammenhalt ein hoher Wert ist, liegt da nahe. Doch in der Realität sind Solidarität, Mitgefühl und tätige Hilfe von der Wirtschaft in weiten Teilen optimiert und anonymisiert worden. Der Verdacht, hier würden preiswerte Hilfskräfte einem auf Rendite getrimmten System zugeführt, konnte bislang nicht entkräftet werden. Wer einmal auf den Zeitplan eines mobilen Pflegedienstes geblickt hat, wünscht sich, von, wenn schon gestressten, so doch wenigstens professionellen Mitarbeitenden versorgt zu werden.

Weiteres Contra-Argument: Hier schlagen Ältere einen sozialen Pflichtdienst für die ganz Jungen vor. Gerade jetzt, nach zweieinhalb Jahren Erfahrung mit der Corona-Pandemie wirkt dieses „Ihr sollt aber!” übergriffig. Die FDP-Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger hat durchaus einen Punkt, wenn sie von einem „staatlichen Eingriff in den Lebenslauf” spricht. So war es schon früher, als in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht galt. Junge Männer mussten deutlich länger zum Zivildienst als zur Bundeswehr. Gerecht war das auch deshalb nicht, weil Soldat zu sein nicht nur deutlich besser bezahlt wurde, sondern auch mit freier Kost und Logis vergolten war.

Wer beim sozialen Pflichtdienst über Pro und Contra nachdenkt, sollte zwei Punkte beachten, über die gerade viel zu wenig gesprochen wird. Zum einen ist das der Punkt der Gleichstellung. Junge Frauen wären genauso wie Männer verpflichtet, nach ihrer Schulzeit der Gesellschaft zu dienen. Auch beim Militär. Dieser Gedanke wird sicher einige Zeit in Anspruch nehmen, bis seine ganze Tragweite verinnerlicht wird.

Gesellschaftsjahr: Andere Möglichkeiten, wenn die Eltern wohlhabend sind

Zum anderen ist da die Frage der geldwerten Wertschätzung. Noch während der Bund-oder-Zivi-Zeit haben sich vor allem Kinder aus finanzschwachen Familien für die Kaserne statt das Krankenhaus entschieden. Der Staat brachte seine Anerkennung in einem anständigen Sold zum Ausdruck, während Zivildienstleistende kostensparend bei ihrer oft etwas wohlhabenderen Familie bleiben konnten. Seit dem Aussetzen der Wehrpflicht ist das Bild ähnlich. Mädchen und Jungen aus Mittelschichtfamilien müssen sich ihr Ökologisches oder Soziales Jahr „leisten können”. Dort bekommen sie 300 bis 400 Euro im Monat; das erste WG-Zimmer zahlen Mama und Papa. Töchter und Söhne von Minijobbern oder Hartz-IV-Eltern hingegen suchen lieber ihr Heil in einem anständig bezahlten Azubi-Verhältnis. Für großzügige Selbsterfahrung fehlt ihnen das finanzielle Polster.

Wenn sich also die Politik tatsächlich darauf einigt, jungen Menschen ein Stück Lebenszeit abzuverlangen, muss das finanziell von der ganzen Gesellschaft getragen werden. So wie es jetzt ist – das Freiwillige Jahr als Bonus-Projekt für die, die es sich leisten können -, darf es auf keinen Fall bleiben. Wenn der Staat es nicht schafft, diese Gesellschafts-Zeit für jeden und jede auskömmlich zu honorieren, wird sie tatsächlich nie mehr als dies sein: eine lästige Pflicht.

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