Kassenärztechef Gassen: „Das Gesundheitssystem wird nicht überlastet”

Kassenärztechef Andreas Gassen über ein mögliches Ende der Corona-Maßnahmen, Impfverweigerer und die Auslastung von deutschen Krankenhäusern.
Kassenärztechef Andreas Gassen fordert ein baldiges Ende der Corona-Einschränkungen. (Foto: Lopata/axentis.de)
Kassenärztechef Andreas Gassen fordert ein baldiges Ende der Corona-Einschränkungen. (Foto: Lopata/axentis.de)

In Deutschland steigen die Corona-Infektionszahlen wieder an und es wird bereits über eine dritte Booster-Impfung diskutiert. Kassenärztechef Andreas Gassen plädiert im Gespräch trotzdem für das baldige Ende der meisten Einschränkungen.

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt wieder schnell. Was halten Sie vom Aufruf von Gesundheitsminister Jens Spahn, dass sich die über 60-Jährigen und am besten alle anderen eine dritte Impfung abholen sollen?

Diese Ansage ist bisher durch die Datenlage nicht gedeckt. Die Ständige Impfkommission schätzt auf Basis der wissenschaftlichen Studienlage ein, für welche Gruppen die sogenannte Booster-Impfung derzeit sinnvoll ist: Über 70-Jährige, Patienten mit Immunschwäche, Personen, die in sensiblen Bereichen wie Altersheimen arbeiten, und Jüngere, die nur eine Johnson&Johnson-Impfung bekommen haben. Für die Normalbevölkerung ist die dritte Impfung nach jetziger Lage nicht erforderlich. Die Aufforderung dazu sendet eventuell sogar ein schlechtes Signal, weil sie bei Jüngeren Zweifel an der Wirksamkeit Impfstoffen schürt.

Dann bringt es auch nichts, die Impfzentren wieder zu öffnen, wie Spahn will?

Nein, das macht keinen Sinn.

Was ist sonst gegen die vierte Welle zu tun?

Zum Beispiel könnten die Krankenkassen die über 70-Jährigen zur dritten Impfung in die Artzpraxen einladen. Und man muss versuchen, die wenigen Impfbereiten unter den Ungeimpften noch zu überzeugen. Die Mehrheit der Bevölkerung aber ist gut geschützt. Darunter sind jetzt viele junge Leute und Kinder, die nicht schwer erkranken werden. Deshalb relativiert sich die steigende Zahl der Infektionen auch im Vergleich zum letzten Winter.

Alle Bürgerinnen und Bürger, die sich nicht impfen lassen, werden sich in den kommenden Monaten wahrscheinlich bis zum Frühjahr infiziert haben.”

Vor drei Wochen forderten Sie die sofortige Beendigung aller Corona-Einschränkungen nach dem Vorbild Dänemarks. Halten Sie noch daran fest?

Tatsächlich habe ich das so nicht gesagt.

So wurden Sie zitiert.

Meine Position war damals wie heute: Mit einem Vorlauf von sechs bis acht Wochen können wir die verpflichtenden, pauschalen Einschränkungen zurückfahren. Denn es gibt nun eine klare Alternative, in der jeder und jede sich entscheiden muss: impfen – oder erkranken und dann hoffentlich genesen. Damit sind individuelle Schutzmaßnahmen weiter möglich und bei Ungeimpften auch sinnvoll. 2G- und 3G-Regelungen durch Veranstalter blieben davon unberührt.

Sie plädieren also dafür, die Krankheit durch die Gruppe der Ungeimpften durchlaufen lassen?

Ich plädiere nicht dafür, aber es wird wohl so kommen. Das meine auch nicht nur ich, sondern das sagen die meisten Virologen. Im Prinzip werden sich wohl alle Bürgerinnen und Bürger, die sich nicht impfen lassen, in den kommenden Monaten wahrscheinlich bis zum Frühjahr infiziert haben.

Unter dem Strich sind Sie aber dafür, die Maßnahmen bald abzuschaffen?

Wir sollten allmählich zu einem Strategiewechsel kommen. Die akute Bedrohung wie im vergangenen Winter und Frühjahr oder Gefahr der Überlastung des Gesundheitssystems existieren so nicht mehr. Pauschale Maßnahmen auf Bundesebene sind daher unangebracht, wir sollten künftig regional reagieren.

75 bis 80 Prozent der Bevölkerung sind mittlerweile geimpft oder genesen. Dieser großen Mehrheit kann man keine wesentlichen Einschränkungen mehr zumuten?

Als Geimpfter braucht man die Beschränkungen letztlich nicht, weil man sehr gut geschützt ist. Und für die Ungeimpften bedeuten auch die Einschränkungen mittelfristig keinen wirklichen Schutz, sie werden sich wohl trotzdem über kurz oder lang anstecken. Die Impfung ist der effektivste Individualschutz.

Was halten Sie von flächendeckenden 2G-Regelungen – Ungeimpfte wären dann vielleicht noch ein halbes Jahr von vielen Aktivitäten wie Restaurant- oder Kino-Besuchen ausgeschlossen?

Medizinisch ist 2G sinnvoll. Aber gesellschaftlich ist der sogenannte Lockdown für Ungeimpfte wahrscheinlich kein guter und auch kaum ein praktikabler Weg. Millionen Menschen, von denen sich wohl die meisten einfach leider nicht impfen lassen wollen, weiterhin von Teilen des öffentlichen Lebens auszunehmen, kann zu einer gesellschaftlichen Zerreißprobe führen.

Der entscheidende Punkt ist jetzt wieder die drohende Überlastung der Krankenhäuser und Intensivstationen. Wie wahrscheinlich ist es, dass wir diese vermeiden können?

Ich gehe davon aus, dass wir keine Überlastung bekommen werden, auch wenn es ohne Frage eine erhebliche Belastung des Personals auf Intensivstationen gibt. Gegenwärtig sind noch etwa 3.000 Betten auf den Intensivstationen frei. 10.000 sind in der sogenannten Reserve. Diese könnten wir aktivieren, zum Beispiel auch durch das Verschieben von Routineoperationen, wenngleich das natürlich nicht erstrebenswert ist.

Das Problem sind nicht die Betten, sondern fehlende Pflegekräfte und ärztliches Personal.”

Wenn es so weiter geht wie augenblicklich, könnten in vier Wochen wieder genauso viele Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen liegen wie im Frühjahr.

Davon gehe ich nicht aus. Viele der jetzt Infizierten sind ja Kinder und Jugendliche, die nicht ins Krankenhaus kommen. Geimpfte Angesteckte müssen keine Angst vor einem schweren Verlauf haben. Außerdem werden die Menschen selbst wieder vorsichtiger, wenn die Zahlen steigen. Selbst Sieben-Tage-Inzidenzen von 500 – obwohl wir solch hohe Zahlen natürlich verhindern wollen – führen nicht automatisch zur Überlastung des Gesundheitssystems.

Corona beschäftigt uns nun seit anderthalb Jahren. Hat die Gesundheitspolitik Zeit versäumt, um mehr Intensivbetten zur Verfügung zu stellen?

Das Problem sind nicht die Betten, sondern fehlende Pflegekräfte und ärztliches Personal. Heute können wir die vorhandenen Betten nicht unter Volllast betreiben. Um perspektivisch mehr Pflegepersonal einstellen zu können, müssten die Arbeitsbedingungen besser werden. Und das würde mehr Geld kosten als bisher.

Zur Person

Andreas Gassen (59) leitet die Bundesvereinigung der Kassenärztinnen und Ärzte (KBV). Er arbeitet als Arzt für Orthopädie, Rheumatologie und Unfallchirurgie in einer Gemeinschaftspraxis in Düsseldorf.

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