Corona-Impfquote: Die Überlastung vermeiden

Eine neue Simulation zeigt: Je höher die Impfquote, desto weniger Corona-Schwerkranke wird es in diesem Herbst geben. Vorest gilt also Entwarnung.
Mit höherer Impfquote gegen die Überlastung. (Foto: Mat Napo)
Mit höherer Impfquote gegen die Überlastung. (Foto: Mat Napo)

Es ist ein Déjà-vu: Die Zahl der Corona-Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen der Krankenhäuser steigt wieder stark an. Am letzten Augusttag wurden 1.096 Kranke dort behandelt. Die höchste Zahl während der Pandemie betrug gut 5.700 Schwerkranke Anfang Januar.

Damals war die drohende Überlastung der Intensivstationen und des Personals eine zentrale Begründung für die Einschränkungen des Alltagslebens, Versammlungsverbote und Geschäftsschließungen. Muss man deshalb bald erneut mit zusätzlichen Beschränkungen rechnen? „In einigen Regionen wird es auf den Intensivstationen schon wieder voll“, sagte Gernot Marx, Präsident der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi).

Insgesamt verfügen die hiesigen Krankenhäuser über gut 22.000 Intensivbetten mit Personal. Weitere 10.000 Plätze stehen in Reserve. Die Zahl scheint hoch – doch schon im Normalzustand sind die Stationen beispielsweise durch Herzinfarkt- oder Krebskranke stark ausgelastet. Kommen tausende Covid-Fälle hinzu, wird es schnell eng. Die Warnung lautet: Dann können nicht mehr alle Kranken optimal versorgt werden.

Studie simuliert verschiedene Pandemie-Szenarien

In einer neuen Studie analysiert Divi nun, wie es in diesem Herbst weitergehen könnte. Die Intensivmediziner haben die Belegung der Krankenhäuser mathematisch simuliert, was eine Einschätzung der Belastungsgrenze ermöglicht. „Die weiter steigende Impfquote wirkt der Überlastung entgegen“, erklärte die Organisation. Marx sagte: „Damit es aber nicht zu einer Überlastung der Stationen und des Personals kommt, müssen wir aufs Impftempo drücken.“

Divi hat mehrere Szenarien für den Zusammenhang zwischen Impfquote, Infektionszahl (Inzidenz) und Intensivbelegung durchgerechnet. Bei der „pessimistischen“ Variante liegen die Impfquoten mit 70 bis 75 Prozent bei den mittleren Altersgruppen etwa auf der Linie der augenblicklichen Entwicklung. Demnach würde heute erst bei Inzidenzen von 300 bis 400 Infektionen pro 100.000 Einwohnern die hohe Januar-Zahl an Schwerkranken erreicht. Damals lag dem eine Inzidenz von um die 170 zugrunde.

Hohe Impfquote als zentraler Faktor

„Im Unterschied zu den vorangegangenen Pandemiewellen braucht es in diesem Herbst eine höhere Inzidenz, bis die Intensivbetten vergleichbar stark belegt sind“, sagte Studienautor und Mathematiker Andreas Schuppert. Der wesentliche Grund: Die Impfungen schützen meist vor schweren Corona-Verläufen. Je mehr Leute sich impfen lassen, desto weniger Patientinnen und Patienten müssen beamtet werden. Im optimistischen Szenario unterstellt Divi beispielsweise für die 35- bis 59-Jährigen eine Impfquote von 85 Prozent – deutlich höher als heute. Dann wird die Belastungsgrenze vom Januar erst bei Inzidenzen über 700 erreicht.

„Nur wenige Prozentpunkte in der Impfquote haben eine erhebliche Auswirkung auf die potenzielle Intensivbelegung im Herbst“, erklärte Mitautor Christian Karagiannidis. „Für die Intensivmedizin ist die Impfquote der über 35-Jährigen von entscheidender Bedeutung.“ Wie Divi sieht auch Janosch Dahmen „keine Entkopplung von Inzidenzen und der Belegung von Intensivstationen“. Der Notfallmediziner und grüne Bundestagsabgeordnete betonte: „Lediglich der Faktor ändert sich mit zunehmender Impfquote“. Bei gleicher Inzidenz führe dies „im Vergleich zu vorangegangenen Wellen zu zwei- bis dreifach weniger Intensivpatienten“.

Vorest Entwarnung für das Gesundheitssystem

Was heißt das unter dem Strich? Die Berechnungen legen nahe, dass die mögliche Überlastung des Gesundheitssystems in der vierten Welle später eintritt. Das verschafft der Bevölkerung und den Regierenden auf jeden Fall ein paar Wochen mehr Zeit, um zu reagieren. Divi sieht trotzdem die Gefahr, dass dieser Punkt irgendwann erreicht werden könnte – und empfiehlt dringend mehr Impfungen. Dahmen ebenfalls: Außerdem fordert er unter anderem „eine konsequente, inzidenzunabhängige Umsetzung von 3G mit klar definierten Grenzwerten, ab wann 2G gilt“. „3G“ bedeutet, dass geimpfte, genesene und getestete Personen beispielsweise Konzerte ohne Einschränkungen besuchen dürfen, bei „2G“ ist das auf Geimpfte und Genesene beschränkt.

Es gibt aber auch eine andere Interpretation. „Die Impfungen zeigen ihre Wirkungen, weit über 90 Prozent der Covid-Intensivpatienten sind ungeimpft“, sagte Gerald Gaß, Präsident der Krankenhausgesellschaft. „Trotz steigender Infektions- und Patientenzahlen sehen wir auch heute, soweit absehbar, keine Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems.“ Auch Andreas Gassen, Chef der Kassenärtzlichen Bundesvereinigung, sendet eher Entwarnung: Er sehe „in der Ärzteschaft keine großen Sorgen, dass das Gesundheitssystem noch kollabieren könnte“.

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