Gerbt’s noch? Warum wir eine Alternative zu Leder brauchen

Ich begeistere mich für Mode. Doch ein Praktikum bei einem Hersteller war enttäuschend. Mehr Greenwashing als echter Impact. Das will ich ändern.
Stolz auf das eigene Produkt: das Team von LOVR. (Foto: PR)
Stolz auf das eigene Produkt: das Team von LOVR. (Foto: PR)

Die Modeindustrie ist nicht gerade die umweltfreundlichste. Das ist mittlerweile bekannt: Unmenschliche Arbeitsbedingungen und die Umweltbelastung durch Mikroplastik und Chemikalien sind nur einige der Probleme, die von ihr verursacht werden. Es gibt viele Dinge, auf die man als Verbraucher achten kann, um das Problem zu minimieren: Weniger kaufen, darauf achten, was man kauft, wo es herkommt und woraus es eigentlich gemacht wird.

Woraus es gemacht wird. Hier habe ich angesetzt. Denn für Mode interessiere ich mich schon seit vielen Jahren. Und auch ich konnte die Schattenseiten dieser bunten Industrie nicht ignorieren. Mein Interesse für faire und nachhaltige Mode wuchs. Doch ein Praktikum bei einem bekannten Hersteller der Branche war sehr ernüchternd: Von der Nachhaltigkeit mit der geworben wurde, war in der Realität nicht viel zu sehen.

Greenwashing statt grüne Produkte

Leider ist das keine Ausnahme. Denn mit der wachsenden Nachfrage nach fairer und nachhaltiger Mode wird auch Greenwashing zu einem größeren Thema. Als Endverbraucher wird es immer schwieriger zu beurteilen, welchen Versprechen man überhaupt trauen kann. Und häufig wirkt es so, als sei für die Unternehmen die Aufwertung des eigenen Images wichtiger als der tatsächlich geleistete Impact.

Der Autor

Lucas Fuhrmann ist Chef und Mitgründer von LOVR. Das hessische Startup entwickelt eine Lederalternative. Fuhrmann hat an der Universität Bayreuth Philosophie und Wirtschaft studiert und an der London School of Economics seinen Master gemacht.

So ist es auch bei vielen Lederherstellern: Zu den Missständen in der Lederindustrie zählen neben Tierleid und der ressourcenintensiven Tierhaltung vor allem der aufwändige Gerbungsprozess, für den oftmals gesundheitsschädliche Chromsalze verwendet werden.

Ich wollte eine Alternative zum Leder entwickeln. Die Idee, Tierhäute durch andere Materialien zu ersetzen, ist erstmal nicht neu. Neben Kunstleder, das synthetisch hergestellt wird, gibt es mittlerweile zahlreiche Anbieter, die mit veganem beziehungsweise pflanzlichem Leder werben. So gibt es schon Kaktus-, Apfel-, oder Ananasleder. Eine Tasche, die aus Kaktus besteht – klingt erstmal sehr romantisch.

Von Nepal in die elterliche Garage

Allerdings haben fast alle diese Materialien das Problem, dass sie immer noch Kunststoff benötigen, um es zusammenzuhalten oder es entsprechend zu beschichten. Ich habe mich deshalb gefragt, ob das nicht auch anders geht. Ob es nicht möglich ist, eine Lederalternative komplett ohne Chemie oder Plastik herzustellen.

Diese Frage führte mich zunächst nach Nepal, wo ich mir verschiedene traditionelle Verfahren zur Herstellung von Textilien angeschaut habe. Zurück in Deutschland kaufte ich mir eine Kochplatte auf eBay Kleinanzeigen und richtete mir – ganz klischeehaft – ein Labor in der Garage meiner Eltern ein, um mit Pflanzenfasern zu experimentieren.

Da eine Idee allein nicht reicht, um das Ganze zu realisieren, bekam ich bald Unterstützung von meinen alten Schulfreunden Montgomery und Julian. Da Julian durch sein Studium gute Connections zur TU Darmstadt hatte, konnten wir von der Garage in ein echtes Labor umziehen und die ersten Stücke unserer Lederalternative auf Maschinen herstellen, die sich wesentlich besser dafür eignen.

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Wir nutzen Hanf – nicht, weil das gerade im Trend ist

Und so entstand LOVR: Eine pflanzliche und chemikalienfreie Lederalternative, die kein Plastik und keine Chemie braucht. Wir sind zwar nicht auf eine bestimmte Pflanze beschränkt, verwenden aber momentan Fasern aus Hanf. Und zwar nicht einmal deshalb, weil Hanf gerade ein Trendthema ist, sondern weil es eine sehr praktische Nutzpflanze ist, die schon seit Jahrhunderten für viele Einsatzzwecke verwendet wird.

Hanf ist ein super CO2-Speicher, kann regional in Deutschland angebaut werden und es fallen hierbei jede Menge Reststoffe an, die wir verwenden können. Das macht ihn zu einem sehr umweltfreundlichen Rohstoff. LOVR steht kurz für „Leftover“ und ist gleichzeitig ein Akronym für Lederähnlich – Ohne Erdöl – Vegan – Reststoffbasiert.

Damit ist es das erste Material seiner Art. Denn im Gegensatz zu den bisher erhältlichen Lederalternativen besteht LOVR nur aus einer einzigen Schicht. Und diese besteht zu 100 Prozent aus Pflanze. Es ist also sogar biologisch abbaubar.

Die Samples stellen wir komplett selbst im Labor her

Mit unserer Idee konnten wir beim Ideenwettbewerb der TU-Darmstadt überzeugen. Letzten Sommer haben wir unsere GmbH gegründet. Das Exist-Stipendium ermöglichte es uns, unsere Jobs zu kündigen und in Vollzeit daran zu arbeiten, LOVR marktreif zu machen.

Bis unser Unternehmen profitabel sein wird, dauert es noch ein paar Jahre. Deswegen geht es momentan vor allem darum, Investoren zu finden, um die zukünftige Finanzierung zu sichern. Außerdem suchen wir nach Möglichkeiten, um LOVR schon bald als Meterware produzieren zu können. Denn aktuell stellen wir unsere Samples komplett selbst im Labor her und dort ist das leider nur in sehr kleinen Mengen möglich.

Potenzielle Kunden haben schon angeklopft

Es gibt also noch einige Hürden zu überwinden. Aber wir sind zuversichtlich: Seit unserer Gründung hat sich viel getan. Wir haben einige Erfolge durch Wettbewerbe zu verzeichnen, unter anderem durch den Hessischen Gründerpreis und den Hessen Ideen Wettbewerb.

Wir haben viel positives Feedback zu unseren Samples bekommen, auch von potenziellen Kunden, die gerne ihre Produkte aus unserem Material herstellen möchten. Da geht es um Kleinlederwaren, wie Portemonnaies und Uhrenarmbänder, aber auch um Schuhe oder Schuhsohlen. Langfristig haben wir vor, auch in den Möbel- und Automobilbereich zu gehen.

Unser Ziel ist es, dass unser Material schon bald seinen Platz in einem möglichst breitem Produktspektrum findet. Hiermit wollen wir einen Schritt machen – in Richtung einer nachhaltigen Modeindustrie, in der Greenwashing nicht mehr notwendig ist.

Aufgezeichnet von: Simone Schröder

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