Das Berufungsprinzip: Worum es bei beruflicher Erfüllung wirklich geht

44. Stock einer Frankfurter Bank. Büro mit Skyline-Blick. Ich dachte, ich hätte es geschafft. So sehe beruflicher Erfolg aus. Ein Irrtum.
So viele Möglichkeiten: Was macht glücklich, welche Träume platzen? Wie findet man seine berufliche Erfüllung? (Foto: Alex Alvarez)
So viele Möglichkeiten: Was macht glücklich, welche Träume platzen? Wie findet man seine berufliche Erfüllung? (Foto: Alex Alvarez)

»So fühlt sich also Erfolg an«, dachte ich noch, als ich das erste Mal im schicken neuen Blazer in den Glasaufzug stieg, den Knopf für das 44. Stockwerk auswählte und, oben angekommen, das Büro betrat. Mein Blick glitt über die imposante Frankfurter Skyline und den Main, der in naher Ferne in der Sonne glitzerte.

Ich hatte eine der begehrten Stellen in der Social-Media-Abteilung einer bekannten Bank ergattert. Ein vermeintlich geniales Sprungbrett ins Arbeitsleben, schließlich stand ich damals kurz vor Abschluss meines BWL-Studiums. Ich hatte mir ausgemalt, wie erfüllend es sein würde, meine Kreativität auf den Social-Media-Plattformen der Bank auszuleben und meine eigenen Ideen in die Welt zu bringen.

Ein Gefühl der Sinnlosigkeit pulsierte in mir

Blumig und verspielt, so würde ich heute meine damaligen Vorstellungen beschreiben. Denn es folgte, was folgen musste: der ernüchternde Schlag der Realität. Die strikten Vorgaben, die interne Firmenpolitik und die langen Dienstwege im Konzern hatten mir schnell gezeigt, dass die Realität des Jobs weit entfernt war von meiner romantisierten Vorstellung und meiner ersehnten kreativen Entfaltung.

Eines Nachmittags, nur drei Monate später, nach einem langen, erschöpfenden Arbeitstag mit Social Media-Posting und Präsentationserstellung, dachte ich verbittert: »Braucht die Welt wirklich noch einen dieser Posts?«

Ein Gefühl der Sinnlosigkeit pulsierte in mir. Zaghaft hörte ich meine innere Stimme sagen: »Maxine, das hier ist nicht deine Berufung.« Und genau in diesem Moment konnte ich es nicht länger leugnen: Ich war im falschen Job und fühlte mich wie viele andere Menschen – nach außen hin erfolgreich, aber innerlich leer.

Die Autorin

Maxine Schiffmann steht für berufliche Erfüllung durch Persönlichkeitsentwicklung. Als Business & Personal Growth Coach unterstützt sie ambitionierte Menschen, ihre beruflichen Projekte selbstsicher voranzutreiben, Klarheit zu gewinnen und Erfüllung zu finden. Ihr Buch “Das BeRUFungsprinzip» – wie du mit Business Journaling deiner beruflichen Erfüllung folgst” erscheint im Februar 2022 (Fischer-Verlag, 15 Euro, www.maxineschiffmann.de/buch).

Ihre langwierige Suche nach ihrer Berufung brachte sie bereits in jungen Jahren zur Persönlichkeitsentwicklung und führte sie um die halbe Welt, um Ansätze aus Wissenschaft und Spiritualität zusammenzubringen. Nachdem sie in England ihren Master (M. Sc.) absolviert hatte, arbeitete sie mehrere Jahre lang als Karrierecoach und -trainerin, um sich dann auf die Persönlichkeitsentwicklung im Berufskontext zu spezialisieren.

Mit ihrem Business Journal Podcast schuf sie 2019 den ersten deutschen Reflexionspodcast, auf dem sie wöchentlich ihre Zuhörerinnen zu schriftlichen Reflexionen einlädt. Sie ist der Host der Digitalen Show für Selbstständige und Managerin des YBG Start-up-Programms für junge Gründer:innen.

Die kollektive Sehnsucht nach Sinn & Erfüllung

So wie es mir damals ging, so geht es vielen von uns heute und vielleicht auch dir: Du hast einen Job, der deine vermeintlich notwendigen Bedürfnisse abdeckt: Sicherheit, finanzielle Stabilität, Beständigkeit. Aber was bedeutet das schon, wenn eine Schlüsselkomponente fehlt: die Sinnhaftigkeit.

In den vergangenen Jahren ist besonders die Sehnsucht nach beruflicher Erfüllung in uns geweckt worden: Wir wollen nicht nur beruflich erfolgreich sein, sondern auch sinnerfüllt in unserer Karriere sein und unserer Berufung folgen. Mehr und mehr Menschen spüren, dass die Zeiten des Absitzens und Abwartens vorbei sind.

Was dich von beruflicher Erfüllung abhält

Warum auf den Ruhestand hoffen, um endlich das zu machen, was dich mit Sinn und Freude erfüllt? Und genau hier stellt sich die Schlüsselfrage: Wie soll es beruflich für dich weitergehen? Die Antwort auf diese Frage zu finden, ist heute schwieriger als jemals zuvor, und das hat zwei Gründe:

  1. Nie zuvor hattest du so viele berufliche Möglichkeiten, in denen du dich finden und gleichzeitig verlieren konntest. Du kannst bequem vom Sofa aus Menschen auf der ganzen Welt erreichen, endlos viele Berufe vom Computer aus in exotischen Ländern ausführen oder dich von Hunderten von wunderbaren Berufs- und Lebensweisen auf Social Media und Co. inspirieren lassen. Das Erlernen von neuen Fähigkeiten ist nur zwei Klicks entfernt und in der endlosen Fülle des Internets kannst du dich problemlos tage-, wochen- oder jahrelang mit jeglichem Content berieseln lassen. All diese Möglichkeiten geben dir endlos viele Ideen sowie Chancen – und machen es dir gleichzeitig schwer, den für dich beruflich wirklich passenden Platz zu finden.

  2. Unsere komplexe und vor allem immer lauter werdende Welt macht es schwer, die eigene Wahrheit wahrzunehmen. Zunehmend wirst du von externen Botschaften bombardiert: mehr als 500 Stunden Videocontent werden laut Statista jede (!) Minute allein auf Youtube hochgeladen – und Instagram, LinkedIn, Twitter und Co gibt es ja auch noch. All diese Einflüsse können es mühevoll machen, zu erkennen, was für dich ganz persönlich der stimmige Weg ist – frei von den ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen anderer. Denn wenn es um Sinnhaftigkeit geht, bist du der Chef: kein Guru, kein Mentor, kein Experte kann wissen, was für dich bedeutsam und beruflich wichtig ist.

Für mein neues Buch »das BeRUFungsprinzip« fragte ich die Menschen in meinem Umfeld, was Berufung für sie umfasst. Die Antworten kreisten allesamt um eine zentrale These: Die Berufung ist der eine Traumjob oder das eine Traumbusiness, welches wir finden müssen, um bis zur Rente beruflich erfüllt zu sein.

Der eine Traumjob auf Lebenszeit?

In schnelllebigen Zeiten wie den heutigen ist diese Definition nicht mehr zeitgemäß! Es wird immer Jobs und Aufgabengebiete in unserer modernen Welt geben, die morgen wieder veraltet sind und wegfallen. Neue Felder werden entstehen, neue Jobs werden sich entwickeln. Heute ist es bereits Normalität, zwei bis drei Karrierelaufbahnen innerhalb eines Berufslebens zu haben.

Auch die Karriereforschung geht nicht mehr vom »Idealberuf auf Lebenszeit« aus oder von einer »eindeutigen Definition des Karriereerfolgs«. Die Illusion von der »einen Berufung« raubt dir die notwendige Flexibilität, neue Karrierechancen zu ergreifen.

Sie haben auch eine fundierte, spannende Perspektive auf ein wichtiges Thema unserer Zeit? Schreiben Sie uns an debatte@journalistico.de.

Die Jahre 2020/21 haben besonders eindrücklich gezeigt, wie schnelllebig die heutige Welt und der daraus resultierende Arbeitsmarkt sind – wie rasant sich alles ändern kann und wird. Auch in der Selbstständigkeit sind wir heutzutage aufgerufen, uns immer wieder neu zu erfinden und gekonnt auf die sich stets veränderten Bedürfnisses des Markes eingehen – ohne uns selbst dabei aus dem Blick zu verlieren.

Meine eigene Reise hat mir ebenfalls gezeigt, dass wir uns kollektiv von der veralteten Definition von Berufung als singulären Traumjob lösen dürfen, ja, vielleicht sogar müssen.

Das Berufungsprinzip: die Neudefinition von Berufung

All die Jahre hatte ich vergeblich nach meiner Berufung gesucht, dabei hatte ich sie bereits gefunden: nicht in Form eines einzelnen Jobs oder Business, sondern in Form meines inneren Rufs, der mich zu den wertvollen Stationen auf meinem beruflichen Weg geführt hatte. Ich realisierte: Berufung ist kein erreichbares Ziel, sondern ein Weg, auf dem ich gelernt hatte, mir selbst wieder zu vertrauen, mich von den Meinungen anderer zu lösen und mutig meiner eigenen Stimme zu folgen. Und wer weiß, was mich in Zukunft noch alles auf dem Weg meiner Berufung erwarten wird.

Meine Erfahrung hat mir eines gezeigt: Wir alle können unserer Berufung folgen, indem wir lernen, unseren inneren Ruf zu hören – und genau dafür habe ich mein Buch «Das BeRUFungsprinzip» geschrieben. Dabei ist es unwichtig, ob du deiner inneren Stimme in der Vergangenheit misstraut hast oder dir das Wahrnehmen deines inneren Rufs bisher noch schwerfiel. Sei dir jetzt einfach gewiss: Auch du trägst den Ruf deiner inneren Stimme – deine Berufung – in dir und kannst lernen, ihm mutig und mit Leichtigkeit zu folgen!

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