Sozialpolitik

Faktencheck: „Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde“

Kann sich Deutschland Verbesserungen wirtschaftlich leisten, zum Beispiel in der Pflege? Ja, sagt SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und betont immer wieder: „Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde.“ Das wollte eine Journalistico-Leserin gerne genauer wissen. Unser neuer Faktencheck.

Was ist Reichtum?
Reichtum ist mehr als wirtschaftlicher Wohlstand. Auch die Zufriedenheit der Menschen oder eine intakte Umwelt können zum Reichtum eines Landes gezählt werden. Indikatoren wie der „Better Life Index“ der Industrieländerorganisation OECD oder der „Happy Planet Index“ nehmen solch breite Betrachtungen von Wohlstand vor. Wir konzentrieren uns an dieser Stelle gleichwohl auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das klassische Wohlstandsbarometer, da Schulz erkennbar auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes abstellt. Sie ist entscheidend dafür, um wiederkehrende Ausgaben für Investitionen in die Pflege, in Schulen oder die Infrastruktur zu finanzieren (siehe dazu auch: „Unser Gesundheitssystem ist in Gefahr“).

Was ist das Bruttoinlandsprodukt?
Die Kennziffer bezeichnet den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Land innerhalb eines Jahres hergestellt respektive erbracht werden.

Wie stark ist die deutsche Wirtschaft im Vergleich zu anderen Ländern?
Sehr stark. Die Vereinigten Staaten sind zwar mit weitem Abstand die größte Volkswirtschaft der Welt. Im vergangenen Jahr erzielten sie laut Daten der Weltbank ein Bruttoinlandsprodukt von 18,6 Billionen US-Dollar. Dahinter folgten China (11,2) und Japan (4,9). Doch mit einer Wirtschaftsleistung von 3,5 Billionen US-Dollar liegt Deutschland auf Platz vier der größten Volkswirtschaften der Welt. Mit deutlichem Abstand folgen Großbritannien (2,6), Frankreich (2,5), Indien (2,3) und Italien (1,9).

Ist Schulz Aussage damit bestätigt?
Ja, der SPD-Politiker liegt richtig. Allerdings lohnt sich noch eine andere Betrachtung, nämlich die der Wirtschaftsleistung pro Kopf. Die lag in Deutschland im vergangenen Jahr bei 41.936 US-Dollar. Damit gehörte das Land auch nach dieser Betrachtungsweise zu den reichsten der Welt. In der Spitzengruppe der Staaten mit dem größten Wohlstand lag die Wirtschaftsleistung pro Kopf bei durchschnittlich 40.677 Dollar. Die ärmste Gruppe kam im Vergleich auf nur 615.07 Dollar pro Kopf. Allerdings zeigt sich bei dieser Analyse auch, dass es eine ganze Reihe von Ländern gibt, in denen noch mehr Wohlstand pro Bürger erwirtschaftet wird als in Deutschland. Absoluter Spitzenreiter ist Luxemburg mit einem Bruttoinlandsprodukt, das je Einwohner (102.831 Dollar) mehr als doppelt so hoch liegt wie in Deutschland. Bei dieser Betrachtungsweise kommt Deutschland „nur“ auf den 15. Platz der wohlhabendsten Länder der Welt.

Nochmal anders stellt sich die Lage dar, wenn man die Zahlen um die Kaufkraft, also das je nach Land unterschiedliche Preisniveau, bereinigt (siehe hier). Doch an der zentralen Erkenntnis, dass Deutschland zu den reichsten Ländern der Welt zählt, ändert das nichts.

Wie wird der Wohlstand verteilt in Deutschland?
Vom jährlichen Volkseinkommen gehen laut Bundesfinanzministerium 68,9 Prozent an die Arbeitnehmer, 31,1 Prozent verbleiben bei den Unternehmen und Kapitalgebern. Dieses Verhältnis hat sich seit der Jahrtausendwende deutlich zu Ungunsten der arbeitenden Bevölkerung entwickelt. Das stellt auch ein Problem für den Staat dar, weil Kapitalerträge geringer besteuert werden als Arbeitseinkommen. Ebenfalls ungünstig ist, dass Menschen mit hohen Verdiensten ihre Löhne stärker steigern konnten als Menschen mit geringen Verdiensten, da hohe Einkommen wegen der Beitragsbemessungsgrenze nicht vollständig zur Finanzierung der Sozialversicherungen herangezogen werden. Beim durchschnittlichen Haushaltseinkommen nach Steuern liegt Deutschland mit 31.925 Dollar im Vergleich der OECD-Staaten auf Rang 6.

Wie sieht es mit den Vermögen aus?
Die Vermögen sind in Deutschland sehr ungleich verteilt. Diese Erkenntnis ist sicher. Was die konkreten Zahlen betrifft, wird es schwierig, weil infolge der Abschaffung der Vermögenssteuer keine offiziellen Daten mehr verfügbar sind. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schätzt, dass das reichste Zehntel der Bevölkerung zwischen 63 und 74 Prozent des gesamten Nettovermögens besitzt. Insgesamt ist Deutschland ein sehr vermögendes Land. Das Volksvermögen betrug 2015 rund 14,7 Billionen Euro. In dieser Zahl erfasst sind die Vermögen von Staat, Unternehmen und Bürgern. Einer Untersuchung der Schweizer Großbank Credit Suisse zufolge haben die Deutschen das fünftgrößte Volksvermögen der Welt, bei der Pro-Kopf-Betrachtung kommen sie allerdings nur auf Platz 17.

Bedeutet die Tatsache, dass man ein reiches Land ist, automatisch auch, dass soziale Aufgaben finanziert werden können?
Natürlich erweitert das die sozialpolitischen Möglichkeiten. Gleichwohl muss immer abgewogen werden, wofür der Staat Geld ausgibt und wie sich das volkswirtschaftlich auswirkt. Das ist stets Gegenstand intensiver Debatten. Dabei gilt es allerdings zu beachten, dass auch das Sozialwesen ein Wirtschaftszweig ist, der zudem erheblich zur Wertschöpfung beiträgt.

Wie lautet das Fazit?
Schulz hat Recht mit seiner Behauptung, dass Deutschland zu den reichsten Ländern der Welt zählt. Die ungleiche Wohlstandsverteilung erschwert die Finanzierung der gemeinschaftlichen Aufgaben aber tendenziell.

 

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