Autoindustrie Energie/Umwelt

Faktencheck: „Wir sind eine Automobilnation, und wir wollen auch eine Automobilnation bleiben“

Die Verfehlungen der deutschen Autobauer sind auch Thema im Bundestagswahlkampf. Fallen lassen will man die Branche aber nicht. Zu wichtig für Deutschland, sagen sowohl Kanzlerin Angela Merkel (CDU), als auch der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) oder Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Und natürlich Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), der nochmal betonte: „Wir sind eine Automobilnation, und wir wollen auch eine Automobilnation bleiben.“ Der Journalistico-Faktencheck.

Besitzen die Bundesbürger mehr Autos als Menschen anderer Nationen?
Nein. Auf 100 Einwohner kommen hierzulande laut OECD 54 Autos in Privatbesitz. Damit liegt Deutschland zum Beispiel hinter Finnland, Luxemburg, Italien oder auch den Vereinigten Staaten von Amerika.

Wie viele Arbeitsplätze hängen an der Autoindustrie?
Den Satz von jedem siebten Arbeitsplatz, der in Deutschland mit dem Automobil in Verbindung steht, hat man schon länger nicht mehr gehört. Er ist auch irreführend. Denn er impliziert, dass  jeder siebte Arbeitsplatz wegfallen würde, wenn es die deutschen Autohersteller nicht mehr gäbe. So ist das nicht. Denn in der Zahl sind auch Taxifahrer, Kfz-Mechaniker oder Mitarbeiter von Autoversicherungen enthalten, die zwar mit Autos etwas zu tun haben, aber nicht unbedingt mit deutschen Autos.

Tatsächlich arbeiteten im vergangenen Jahr bei den Autoherstellern und den Herstellern von Kfz-Teilen 0,81 Millionen Menschen. Insgesamt gab es in Deutschland 39,29 Millionen Arbeitnehmer (und weitere 3,3 Millionen Selbständige und Unternehmer). Das bedeutet, dass etwa jeder 49 Arbeitsplatz dem Kern der deutschen Autoindustrie zuzurechnen ist. Natürlich strahlt die Autoindustrie darüber hinaus auf die Volkswirtschaft ab. Sie verarbeitet zum Beispiel Kleber und Lacke der Chemieindustrie, Hölzer aus der Forstwirtschaft und Stoffe der Textilbranche. In all diesen Wirtschaftszweigen gibt es also Menschen, deren Arbeitsplatz vom Auto abhängt. Der Wissenschaftler Michael Rothgang vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung kam laut einem Arbeitspapier, das Journalistico vorliegt, für das Jahr 2005 auf 1,66 Millionen Arbeitsplätze, die mit der Autoproduktion in Deutschland zusammenhängen. (Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW kam auf knapp zwei Millionen Arbeitsplätze). Das entsprach damals jedem 20. Arbeitsplatz. Da sich die wirtschaftlichen Strukturen nur langsam wandeln, dürfte die Größenordnung auch heute noch zutreffen.

Was tragen die Autobauer zur deutschen Wirtschaftsleistung bei?
Darüber geben Zahlen des Statistischen Bundesamtes Auskunft, die Journalistico vorliegen. Sie weisen den Anteil des Fahrzeugbaus inklusive der Herstellung von Kfz-Teilen an der deutschen Bruttowertschöpfung aus. Dieser Anteil lag im Jahr 2014 bei 4,9 Prozent (aktuellere Daten liegen noch nicht vor). Das bedeutet, dass die Hersteller von Autos und Autoteilen einen Zwanzigstel zu den Werten beigetragen haben, die im Jahr 2014 von der deutschen Wirtschaft geschaffen wurden. Das Baugewerbe kam auf 4,5 Prozent, das Gesundheitswesen auf 5,4 Prozent, die Finanz- und Versicherungsdienstleister auf 4,2 Prozent.

Allerdings gilt auch hier wieder, dass die Autohersteller viele Leistungen einkaufen und deshalb auch bei Zulieferern noch Wertschöpfungsprozesse auslösen. Das ZEW kam deshalb für das Jahr 2004 zu dem Ergebnis, dass der direkte und indirekte Anteil der Automobilproduktion an der Wertschöpfung aller Wirtschaftszweige in Deutschland 7,7 Prozent betrug (damals lag die direkte Wertschöpfung des Fahrzeugbaus laut Statistischem Bundesamt bei 3,8 Prozent). In keinem anderen Land war der Anteil so hoch. Südkorea kam auf 4,7, Japan auf 3,8 und die USA auf 3,0 Prozent.

Wie viel Wert schafft ein Arbeitsplatz in der Autoindustrie?
Der Autoindustrie gelingt es, mit vergleichsweise wenig Personal viel Wert zu schaffen. Um eine Million Bruttowertschöpfung zu erzielen, werden laut einer aktuellen Untersuchung des Münchner Ifo-Instituts im Auftrag des Verbandes der deutschen Automobilindustrie im Mittel nur 2,9 Beschäftigte benötigt. Diese hohe Produktivität ist gut für den Wohlstand, denn sie ermöglicht hohe Löhne und Steuereinnahmen.

Wie wichtig ist die Branche für Investitionen und Innovationen in Deutschland?
Der ZEW-Studie zufolge hat die Branche in den Jahren 2004 bis 2006 einen Anteil von vier bis sechs Prozent an allen Anlageinvestitionen der gewerblichen Wirtschaft gehabt. Vielleicht am bedeutendsten ist die Automobilindustrie für die Innovationsleistung Deutschlands. Gut 30 Prozent der gesamten interen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung gingen im Jahr 2007 laut ZEW auf diese Branche zurück. Durch ihre Verflechtung mit vielen Zuliefererbranchen treibt sie das Innovationsgeschehen in der deutschen Industrie insgesamt voran. „Sie bestimmt damit wesentlich das Spektrum an neuen Technologien, das von der deutschen Volkswirtschaft hervor- und in den internationalen Technologiewettbewerb eingebracht wird“, so die Forscher.

Bleibt Deutschland eine Automobilnation?
Das hängt davon ab, ob den Autoherstellern die Anpassung an die Zukunft gelingt. Zwei Entwicklungen setzen sie unter Druck: der Trend zu umweltfreundlicheren Autos und der zu neuen Mobilitätskonzepten. Was umweltfreundliche Autos betrifft, so wird den deutschen Herstellern vorgeworfen, sie seien nicht fortschrittlich genug. Das trifft nicht durchweg zu. So ist BMW inzwischen der drittgrößte Elektroautohersteller der Welt. Mehr als jedes dritte Patent für Elektroautos weltweit wird laut Ifo-Institut von deutschen Unternehmen angemeldet. Damit ist Deutschland hier mit Abstand führend. Auch bei Hybridantrieben nehmen deutsche Erfinder eine Spitzenposition ein. Weniger stark sind sie bei der Brennstoffzelle. Probleme sehen die Ifo-Forscher bei der Kommerzialisierung der Innovationen, also bei der tatsächlichen Markteinführung neuer Modelle. Daran schuld sei auch die geringe Nachfrage nach den neuen Autos. Bei modernen Mobilitätskonzepten sind deutsche Autobauer sehr aktiv, zum Beispiel mit den Carsharing-Angeboten Car2go und DriveNow. Aber wie immer bei Fragen, die die Zukunft betreffen, gilt auch in Bezug auf die Frage, ob Deutschland eine Automobilnation bleibt: abwarten.

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