Sozialpolitik

Faktencheck: Die Durchschnittsrente liegt im Westen bei gut 1375 Euro, im Osten bei 1300 Euro

Nach der Ankündigung von Angela Merkel im TV-Duell mit Martin Schulz, es werde keine Rente mit 70 geben, wird wieder über die Alterssicherung diskutiert. Für die CDU hat sich Karl-Josef Laumann, Arbeits- und Sozialminister in Nordrhein-Westfalen, in der Sendung „Illner intensiv“ dagegen verwahrt, über Mythen zu reden. Man sollte, so Laumann, keine Probleme herbeireden, die wir nicht haben. Immerhin betrage die „Durchschnittsrente“ im Westen „gut 1375 €“ und im Osten „gut 1.300 €“. Stimmt das? Der Journalistico-Faktencheck.

Was sagen die Statistiken?
Nach Auskunft der Deutschen Rentenversicherung Bund lagen die Zahlbeträge der „Renten wegen Alters“ im Jahr 2015 bei durchschnittlich 787 € im Westen und 964 € im Osten. Differenziert nach Männern und Frauen ergibt sich folgendes Bild. Die Frauen im Osten erhielten 846 Euro, die West-Frauen 580 Euro. Die Männer in den neuen Bundesländern bekamen 1124 Euro, die in den alten Bundesländern 1040 Euro.

Wie kommt Laumann dann auf seine Zahlen?
Laumann wandte die alten „Tricks“ an, die in der Rentendebatte seit Jahren im Umlauf sind, um das Problem der schon heute bestehenden Altersarmut zu verschleiern. Einer dieser Tricks geht so: Man nehme die „Bruttostandardrente“ und verkündige, sie bezeichne einen Durchschnittswert.

Die Bruttostandardrente ist definiert als die Rente, die ein Altersrentner im Monat brutto erhält, wenn er bis zum Renteneintrittsalter 45 Jahre lang genau durchschnittlich verdient hat (hier nachzulesen, Druckseite 315). Diese gelegentlich auch Eckrente genannte Bruttostandardrente liegt laut Deutscher Rentenversicherung in der Tat in der Größenordnung der von Laumann genannten Zahlen, ist jedoch weit vom Durchschnitt entfernt.

Die Bruttostandardrente ist jedoch noch gar nicht der Betrag, den der „Standardrentner“ ausbezahlt bekommt. Der Zahlbetrag, den der Standardrentner tatsächlich erhält, liegt rund elf Prozent unter der Bruttostandardrente, da auf die Bruttostandardrente noch Beiträge zur Kranken- und zur Pflegeversicherung bezahlt werden müssen.

Der doppelte Trick von Laumann – die „Standardrente“ als Durchschnittsrente ausgeben und dann auch noch den Bruttowert verwenden, damit es nach mehr klingt – ist weder den Mitdiskutierenden noch der Moderatorin aufgefallen. Die Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Manuela Schwesig (SPD), schaute zwar etwas kariert, aber sie hakte dann doch nicht ein.

Was sagt denn die Durchschnittsrente über das Wohlergehen der Rentner aus?
Sie hat auch nur bedingte Aussagekraft, gibt es doch viele älteren Menschen, die nicht nur Einnahmen aus der gesetzliche Rentenversicherung, sondern zusätzlich (oder ausschließlich) Einkünfte aus privaten Renten, Betriebsrenten, Mieteinnahmen, Pensionen oder aus anderen Quellen haben. Ein umfassendes Bild über die tatsächliche finanzielle Situation der Generation 65plus zeichnet der etwa alle vier Jahre erscheinende Alterssicherungsbericht der Bundesregierung. Demnach ergab sich im vergangenen Jahr folgendes Bild:

Schichtung der Nettoeinkommen der 65-jährigen und Älteren

Netto-

Einkommens-

klassen

Alte Länder

Neue Länder

Ehe-paare

allein-stehen-de

Männer

allein-stehende

Frauen

Ehe-paare

allein-stehen-de

Männer

allein-stehende

Frauen

unter 750 Euro 1% 8% 9% 0% 6% 4%
750- unter 1.000 Euro 2% 12% 16% 1% 18% 15%
1.000 – unter 1.250 Euro 5% 13% 20% 2% 19% 18%
1.250 – unter 1.500 Euro 7% 16% 17% 6% 20% 31%
1.500 – unter 1.750 Euro 10% 14% 14% 13% 17% 20%
1.750 – unter 2.000 Euro 11% 12% 8% 18% 12% 8%
2.000 – unter 3.000 Euro 36% 18% 12% 49% 8% 5%
3.000 – unter 4.000 Euro 16% 4% 2% 8% 1% 0%
mehr als 4.000 Euro 11% 2% 1% 3% 0% 0%

Anhand dieser Zahlen aus dem Alterssicherungsbericht – man beachte insbesondere die beiden oberen Zeilen (unter 750 bzw. 750- unter 1000 Euro) – lässt sich erkennen, dass Altersarmut sehr wohl alles andere als ein Randphänomen ist.

Wie lautet das Fazit?
Es geht nicht darum, Probleme herbeizureden, die wir nicht haben, sondern darum, Probleme, die wir haben, anzugehen.

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