Nachsitzen bei Künstlicher Intelligenz

Künstliche Intelligenz hat großes Potenzial, auch auf dem Weltmarkt. In Deutschland kommt die Branche nur schleppend voran. Woran liegt das?
KI ist ein boomendes Geschäftsfeld - mit einigen Hürden in Deutschland. (Foto: Possessed Photography)
KI ist ein boomendes Geschäftsfeld – mit einigen Hürden in Deutschland. (Foto: Possessed Photography)

Das Potenzial für Künstliche Intelligenz (KI) in Deutschland ist gut. Die entscheidende Frage lautet aktuell aber: Wie kann es besser genutzt werden? Phantasma ist dafür ein typisches Beispiel: Das Unternehmen erschafft künstliche digitale Städte, in denen Fahrzeuge von morgen getestet werden können, selbstfahrende Autos und mobile Roboter zum Beispiel. Dabei simulieren die Berliner menschliches Verhalten und nutzen dafür künstliche Intelligenz. Was einfach klingt, ist sehr kompliziert, kostet viel Geld, benötigt große Mengen an Daten. Aber gerade KI-Firmen haben große Chancen auf dem Weltmarkt.

„KI ist ein Wirtschaftstreiber”, sagt Alexander Hirschfeld vom Bundesverband Deutsche Startups. Das Beratungsunternehmen McKinsey erwartet allein bis 2030 bis zu 11,5 Billionen Euro mehr Wirtschaftsleistung durch KI. KI ist außerdem als einer der “top technology trends” gelistet. Der deutsche Prüfer PwC kommt sogar auf 14 Billionen Dollar, der Startup-Verband hat sich zum zweiten Mal besonders die frisch gegründeten Firmen in Deutschland angesehen, die mit KI arbeiten.

Künstliche Intelligenz in allen Lebensbereichen

Künstliche Intelligenz soll in allen Lebensbereichen Einzug halten. Schon heute kann sie über Algorithmen Muster erkennen, zum Beispiel in Radiologiebildern bestimmte Erkrankungen oder Gesichter. Sie kann vorhersagen, wann ein Teil einer Maschine repariert werden muss. Sie kann selbst lernen und chatten. Oder sie schafft eine künstliche digitale Welt, in der autonome Fahrzeuge von morgen getestet werden können wie bei Phantasma.

Viele KI-Firmen haben Großes vor: Sie streben mehr als andere Startups an, von Investoren mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet zu werden. Und sie wollen häufiger an die Börse gehen. Es geht aber nicht nur ums große Geld und um Macht: KI nutzt große Datenmengen, zum Teil sehr sensible Daten von Privatleuten. Eine Besonderheit der Branche. Deshalb haben die Firmen eine besondere Verantwortung. 81 Prozent der untersuchten Firmen geben an, dass ethische Fragen berücksichtigt werden müssen, wenn Technologie entwickelt wird.

„Deutsche Forschung ist gut, die Produkte werden von Google und Amazon entwickelt”

Im weltweiten Vergleich steht Deutschland bei KI-Startups mit Frankreich auf Platz 17. Zwischen 2016 und 2020 entstanden hier fünf KI-Firmen auf eine Million Einwohner. In den USA (Platz sieben) waren es 14. Ganz vorn ist Israel mit 60 KI-Firmen auf eine Million Einwohner. Hier gibt es Hirschfeld zufolge deutlichen Nachholbedarf.

Fast ein Drittel der KI-Startups werden in Hochschulen gegründet, zwei von fünf Gründern in dieser Branche lernen sich dort kennen. Es gibt zahlreiche sehr gute universitäre Forschungseinrichtungen, die ihre Erkenntnisse bisher noch zu oft in Aufsätze schreiben und zu selten in Unternehmen ausgründen. Oder wie Vanessa Cann vom KI Bundesverband es formuliert: „Die deutsche Forschung ist global gut, die Produkte werden von Google und Amazon entwickelt.”

Keine Künstliche Intelligenz ohne Daten

Derzeit sitzen die meisten Unternehmen, die sich mit künstlicher Intelligenz befassen, in Berlin (36,5 Prozent), danach folgen München (22,4) und Hamburg (5,8). Karlsruhe mit dem renommierten Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist der einzige andere noch nennenswerte größere Standort.

Was allen Probleme macht: der Zugang zu Daten. Er ist europaweit reguliert, sensible persönliche Daten sind besonders geschützt. 77 Prozent der KI-Firmen arbeiten deshalb mit Industriedaten. 64 Prozent der KI-Firmen wünschen sich allerdings auch hier mehr Offenheit bei klassischen Industriebetrieben.

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Die schwierige Suche nach Investoren

Auch Kapitalgeber zu finden, ist für deutsche KI-Startups schwierig. Während es für junge Unternehmen grundsätzlich nicht mehr schwer ist, an Geld zu kommen, halten sich strategische Investoren bei KI in Deutschland zurück. In den USA wird das Zehnfache, in Israel sogar das 19-Fache in KI-Startups investiert.

Phantasma, 2018 gestartet, hat inzwischen einen Investor gefunden, der sich mit KI auskennt. Phantasma-Gründerin Maria Meier weiß aus Erfahrung um die Probleme. Ein Unternehmen, das sich mit KI beschäftige, mache nicht vom ersten Tag an Umsatz. „Es dauert bis der Algorithmus fertig ist.” Und: Das Produkt ist kompliziert. Beides zusammen macht es offenbar für manchen Risikokapitalgeber schwer, Geld zu investieren.

Ein großes Vorbild der Branche ist Celonis. Die Münchener können ganze Anlagen und Abläufe simulieren und anhand von Daten verbessern. Das Unternehmen, 2011 gegründet, wird nach der letzten Finanzierungsrunde mit rund elf Milliarden Dollar bewertet, das teuerste neue Unternehmen Deutschlands.

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