Und jetzt Ruhe, bitte! Wie Insekten durch den Winter kommen

Die einen zittern sich heiß, die anderen produzieren Frostschutzmittel: Mit welchen Strategien Falter und andere Insekten den Winter überleben.
Der Zitronenfalter überlebt als einziger mitteleuropäischer Tagfalter den Winter im Freien. (Foto: Erik Karits)
Der Zitronenfalter überlebt als einziger mitteleuropäischer Tagfalter den Winter im Freien. (Foto: Erik Karits)

Wenn es draußen kalt wird, werfen die Menschen ihre Heizungen an. Ein paar Kerzen und eine Tasse Tee wärmen die Seele. So lässt es sich zu Hause aushalten. Doch wie überleben Insekten den Winter? Sie haben faszinierende Strategien entwickelt, um durch die kalte Jahreszeit zu kommen, bevor sie im Frühling wieder über den Feldern schwirren und uns auf den Balkonen besuchen. Wir stellen die verblüffendsten Überwinterungsmethoden von Schmetterlingen über Marienkäfer bis zu Bienen vor.   

Insekten im Winter: Die üblichen Alkohol-Strategen

In einem sind fast alle gleich: Insekten werden umso träger, je kälter es in ihrer Umgebung ist. Der Stoffwechsel fährt: runter. Das Problem: Überall lauern gefräßige Feinde. „Ein Insekt, das sich nur langsam bis gar nicht bewegt, ist leichte Beute. Darum verstecken sich die meisten Insekten über den Winter gut, krabbeln in Baumhöhlen, buddeln sich in Laubhaufen ein, machen es sich in Felsnischen bequem oder sie suchen sich ein geschütztes Plätzchen in und an Gebäuden“, sagt Julian Heiermann, Insektenexperte des Naturschutzbundes Nabu.

Damit sie in ihren Winterquartieren nicht erfrieren, produzieren die Insekten, die hierzulande überwintern, etwa der Marienkäfer, ihren eigenen, ganz einfachen Alkohol – das Glycerin. Durch dieses hochprozentige Frostschutzmittel entstehen nicht so schnell gefährliche Eiskristalle, die die Zellen durchbohren und schädigen können. Das ist ähnlich wie bei einer Wodkaflasche, die mit 40 Prozent Alkohol problemlos im Tiefkühlfach gelagert werden kann, ohne dass sie platzen würde. So geschützt überleben Insekten den Winter gut. 

Übrigens kommen die Insekten mit der Kälte besser zurecht als mit einem feuchten milden Winter. Denn dann lauern überall Pilze und Bakterien. Eine Falle gibt es allerdings für die Sechsbeiner: Schmetterlinge oder Fliegen, die beispielsweise auf dem kühlen Dachboden überwintern und dort über kleine Schlitze hineingekommen sind, fliegen fix dem Licht, der Sonne entgegen, sobald es im Frühjahr wärmer wird – und prallen an der Scheibe von geschlossenen Dachfenstern ab. Heiermann empfiehlt darum, im Frühjahr die Dachluken kurzzeitig zu öffnen, damit die Insekten hinausfliegen können.

Heizer-Bienen überleben den Winter mit: Kuscheln

Honigbienen haben in ihrem Stock eine perfekte Arbeitsteilung: Die einzige, die sich vermehrt, ist die Königin. Die Drohnen, die männlichen Tiere, leben nur wenige Wochen. Ist ihr Lebenszweck erfüllt, die Begattung der Königin, sterben sie. Die unfruchtbaren Weibchen, die Arbeiterinnen, kümmern sich um alles sonst. Die einen bewachen den Eingang, die anderen sammeln das Futter und so fort.

Beim Heizen allerdings müssen fast alle ran: Im Winter fahren die Bienen ihren Stoffwechsel runter, sie kuscheln sich alle zusammen, die Königin in der Mitte. Weil es sonst zu kalt würde, müssen sie Wärme erzeugen. Bienen haben „zwei bis drei Warmtage in der Woche“, sagt der Würzburger Bienenforscher Professor Jürgen Tautz. Eine anstrengende Strategie für Bienen, um den Winter zu überleben.

An diesen „Warmtagen“ heizen die Arbeiterinnen den Stock auf 30 Grad Celsius hoch. Sie zittern ihn heiß, lassen ihre Flugmuskeln vibrieren. Das kostet viel Kraft. Deshalb machen sie danach tagelang Pause, stärken sich nur noch kurz mit dem Honig, der mit der Wärme auch flüssiger und damit leichter zu verzehren ist. Er ist ihr Treibstoff. Imker dürfen darum nie allen Honig aus ihrem Stock holen, soll das Volk überleben. Das verfällt dann erst einmal wieder in Lethargie. Die Temperatur sinkt, bis es für die Bienen wieder unbehaglich wird – bei etwa plus zehn Grad Celsius. Plus vier Grad bedeutet für sie den Tod.

Die geeisten Zitronenfalter: Überleben im Freien

Die wenigsten Schmetterlinge überwintern als Erwachsene. Robuster sind sie in ihren Jugendzeiten, als Ei, Raupe oder gut verpackt in der Puppenhülle. Der Zitronenfalter überlebt als einziger mitteleuropäischer Tagfalter draußen im Freien, kopfüber an einem Ast hängend oder im Laub am Boden, die Flügel zusammengeklappt.

Der zart aussehende Falter lebt insgesamt zehn bis elf Monate. Das ist lange im Reich der Schmetterlinge. Er hält Temperaturen bis zu minus 20 Grad aus, damit überlebt der Zitronenfalter auch harte Winter. Es stört ihn auch nicht, wenn er zugeschneit wird. Auch hat er seinen ganz eigenen Frostschutz, einen aus Glycerin, Sorbit und verschiedenen Eiweißen. Vor allem scheidet er zunächst aber alles entbehrliche Wasser aus.

Nabu-Experte Heiermann warnt: „Bitte nicht helfen, den Falter einfach hängen lassen!“ Käme er ins Warme, müsste er seinen Stoffwechsel wieder ankurbeln, er hätte dafür aber kaum Energiereserven. Zu Fressen gibt es in den Wintermonaten in der Natur auch kaum. Anders gesagt: Die vermeintliche Hilfe – sie brächte den Falter um.

Eine ganz andere Sache sind übrigens die Frostspanner. Die flattern ausgerechnet dann herum, wenn die ersten Nachtfröste kommen und alle anderen in der Winterstarre sind. Sie leben aber nur ein paar Tage, fressen nichts, paaren sich nur. Die Weibchen legen ihre Eier in der Rinde von Bäumen und an Astspitzen ab – und schon kommt der Tod.

Der Killer im Ameisennest: der Wiesenknopf-Ameisenbläuling

Die Ameisen stoppen im Winter fast alle Arbeiten, verziehen sich in den unterirdischen Teil ihres Nestes. Der obere Teil ist wie eine Art Decke. Gänge werden verschlossen. Alle verfallen in Kältestarre. Ihre Überlebensstrategie für den Winter scheint so sicher – wäre da nicht der Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Auch dieser Falter hat nämlich seine ganz eigene Methode entwickelt, um durch den Winter zu kommen.

Der Insektenforscher Professor Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle erklärt, dass sich der Falter als Killer entpuppt. Es beginnt harmlos. Bis Mitte August legt Frau Ameisenbläuling ihr Ei in die rote kugelige Blüte des Großen Wiesenknopfes, ein Wildkraut, das vor allem auf Wiesen und an feuchten Gräben vorkommt.

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Vierzehn Tage später schlüpft aus dem Ei eine rötliche Raupe. Sie frisst von den Blüten und Samen und lässt sich dann auf die Erde fallen. Die roten Gartenameisen, auch andere Ameisen, kommen jetzt ins Spiel. Sie fressen normalerweise Schmetterlingsraupen. Aber nicht diese. Denn sie tarnt sich mit einem speziellen Duft, der dem der Ameisenbrut ähnelt. Sie wird nicht mehr als Beute erkannt. Zudem hat sie „Zucker“-Drüsen.

Die Ameisen sind ganz scharf auf das süße Sekret, das die Raupe des Wiesenknopf-Ameisenbläuling produziert. Also lassen sie sie leben, schleppen sie mit in ihren Bau. Dort frisst sich die Raupe bis zum nächsten Jahr satt, vertilgt Eier und Larven der Ameisen und fällt dabei noch nicht einmal auf. Sie ähnelt den Ameisenlarven zu sehr – bis sie sich verpuppt und der Schmetterling schlüpft. Der muss sich dann aber schleunigst von dannen machen. Sonst wird er selbst gefressen.

Insekten: den Winter überleben, den Frühling verzaubern

Während wir also in unseren Häusern sitzen bei kuscheligen Temperaturen, ein paar Kerzen und einer Tasse Tee, spielt sich da draußen in der Natur Faszinierendes, auch Brutales, ab. Mit ihren ganz individuellen Strategien überleben die Insekten den Winter. Und erfreuen uns im Frühling wieder auf Feldern und Balkonen.   

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