Protest der Bauern in den Niederlanden: “Das System mit Geld vollgepumpt”

Autor Geert Mak über den Protest der Bauern in den Niederlanden, die verkannte Rolle der Banken im Agrarsystem und den Ukraine-Krieg.
Der Stickstoffeintrag der Landwirtschaft soll reduziert werden: Das provoziert den Protest der Bauern in den Niederlanden. (Foto: James Baltz)
Der Stickstoffeintrag der Landwirtschaft soll reduziert werden: Das provoziert den Protest der Bauern in den Niederlanden. (Foto: James Baltz)

Geert Mak, 75, wirkt angesichts der Sommerhitze noch recht entspannt. „Mein altes Pfarrhaus hat dicke Wände, noch ist es kühl“, sagt der niederländische Schriftsteller. Er lebt abwechselnd in Amsterdam und Jorwerd, einem Dorf in Friesland. In seinem Buch „Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Der Untergang des Dorfes in Europa“ hat er den Wandel der Landwirtschaft nach 1945 beschrieben, der in weniger als zwei Generationen auch viele Traditionen hinwegfegte. Ein Interview über den Protest der Bauern in den Niederlanden, Global Player auf dem Land und Europa in schwierigen Zeiten.

Zur Person

Geert Mak, 75, begann seine Karriere als Journalist. Seine Bücher spiegeln die Vielfalt der Geschichte wieder. In „Das Jahrhundert meines Vaters“ schildert er den Niedergang des niederländischen Kolonialreichs anhand der Geschichte seiner eigenen Familie. In „Wie Gott verschwand aus Jorwerd“ beschreibt er den Niedergang eines friesischen Dorfes. Sein jüngstes auf Deutsch erschienenes Buch: „Große Erwartungen“ fasst die europäischen Entwicklungen der vergangenen zwanzig Jahre zusammen.

Der Konflikt

Die niederländische Regierung will den Stickstoffeintrag der Landwirtschaft radikal verringern. Bis 2030 sollen Nitrat- und Ammoniumbelastung um die Hälfte sinken, der Tierbestand muss um dreißig Prozent runter. Ein Drittel der Höfe fürchtet um die Zukunft. Seit Wochen tobt ein Protest. Kennzeichen der Bauern: die umgedrehte niederländische Flagge – für Schiffsleute in Seenot das Zeichen für SOS

Herr Mak, die Niederlande erleben gewaltige Proteste. Die Bauern machen gegen Pläne der Regierung mobil, den Stickstoffeintrag durch die Landwirtschaft drastisch zu verringern. Ein Drittel der Höfe steht vor dem Aus. Wie hat sich die ländliche Welt verändert in den Niederlanden?

In den Niederlanden haben sich die größten Umwälzungen nach dem zweiten Weltkrieg auf dem flachen Land vollzogen. Das begann in den 50er-Jahren mit dem Aufkommen des Traktors. Hier in Jorwerd wohnten damals knapp 600 Menschen. Die Landwirtschaft brauchte zu jener Zeit enorm viele Arbeitskräfte. Das hat sich durch die Mechanisierung radikal geändert. Heute lebt hier noch knapp die Hälfte. Die Niederlande sind sicherlich ein Vorreiter der industrialisierten Landwirtschaft. Das lässt sich in Jorwerd sehr gut beobachten.

Protest der Bauern in den Niederlanden: “Abhängig von den Preisen auf dem Weltmarkt. Und von den Banken.”

Inwiefern?

Die Produktion ist wahnsinnig groß, aber die Bauern sitzen einsam auf ihren High-Tech-Maschinen. Die Landwirtschaft von heute ist extrem kapitalintensiv. In früheren Zeiten hielten Bauern nicht viel vom Schuldenmachen. Ein kluger Bauer sorgte früher für Vorräte für schlechte Zeiten und hortete seine Ersparnisse – am besten unter dem Kopfkissen. Aber Schulden machen? Das war verpönt. Das hat sich verändert. Die meisten Bauern hier nahmen die ersten Kredite in den 50er-Jahren auf für ihren ersten Traktor. Heute sitzen sie auf Millionenschulden.

Die Landwirte sind nicht mehr nur abhängig vom Wetter. Sie sind abhängig von den Preisen auf dem Weltmarkt. Und von den Banken – hier in den Niederlanden namentlich von der Rabobank. Das erzeugt enorm viel Druck. Die Bauern müssen immer mehr produzieren und stets noch mehr erwirtschaften. Die Millionenschulden werden teils über Jahrzehnte abbezahlt. Wenn dann stets neue Gesetze kommen wie der Stickstoffplan der Regierung, werden viele schnell nervös. Hinter den Protesten steckt vor allem Panik, pure Panik.

“Viele intensive Betriebe auf zu engem Raum – das geht auf Dauer nicht gut.”

Die niederländische Regierung will den Stickstoffeintrag der Landwirtschaft bis 2030 halbieren, der Viehbestand soll um 30 Prozent runter. Hat Sie das Ausmaß des Protests der Bauern in den Niederlanden überrascht?

Eigentlich nicht. Hier im Dorf sieht man überall die Zeichen des Protests: die umgedrehte niederländische Flagge. Insofern hat mich weniger der Widerstand der Bauern erstaunt als das Vorgehen der niederländischen Regierung. Wer ein Drehbuch schreiben möchte, wie schüre ich Aufruhr im Land, der sollte ungefähr so vorgehen wie die Regierung von Premier Mark Rutte. Sie hat eine ohnehin nervöse Bevölkerungsgruppe durch schlechte Kommunikation des eigenen Vorhabens noch weiter verunsichert. Es reicht nicht, einfach eine Karte vorzulegen, auf der rot und tiefrot Gebiete mit hoher Stickstoffbelastung eingezeichnet sind, in denen Landwirtschaft künftig nicht mehr möglich sein soll. Das erzeugt nur Panik und Wut.

Die Ungleichheit zwischen den Landwirten ist groß geworden

Was hätte die Regierung besser machen können?

Die Niederlande sind mit Malta das am dichtesten besiedelte Land in der EU und zugleich einer der größten Agrarexporteure der Welt. Viele intensive Betriebe auf zu engem Raum – das geht auf Dauer nicht gut. Dieses Dilemma hätte die Regierung klar machen müssen. Aber statt Lösungen aufzuzeigen von nachhaltiger Landwirtschaft, über Bio-Höfe bis zu kleineren konventionellen Betrieben – selbst ein Verkauf des Hofes kann für einige eine Befreiung sein – hat die Regierung bislang nur ein grobes Schema vorgelegt.

Wie beim Hochwasserschutz nach der Flutkatastrophe von 1953 brauchen wir jetzt eine Art Delta-Plan für die Landwirtschaft. Das wird Zeit brauchen und Geld. Die Regierung hat auch schon 26 Milliarden Euro zugesagt. Wenn man für die Mehrheit der Landwirte Perspektiven aufzeigt, verändert das gleich die ganze Atmosphäre. Klar ist aber auch: Nicht jeder Hof wird überleben.

“Die Bauern denken, sie sind unabhängig und haben ihr eigenes Auskommen, dabei sind sie nur Teil eines noch größeren Geschäftsmodells.”

Welche Rolle spielt die EU in diesem System?

Die Europäische Union hat die intensive Landwirtschaft über viele Jahrzehnte stimuliert und subventioniert. Die Höfe sollten größer werden, sie sollten investieren und sie sollten für den Weltmarkt produzieren. Über die Flächenprämie erhielten die größten Betriebe die höchsten Zuwendungen. Das hat die Ungleichheit zwischen den Bauern noch vergrößert. Der durchschnittliche Landwirt hier arbeitet sich krumm und kommt auf einen Jahresverdienst von rund 40.000 Euro. Dann gibt es ein paar Agrarunternehmer, die sind Milliardäre.

Das große Geld wird heute vor allem in den Zuliefererbetrieben verdient, zum Beispiel in der Futtermittelindustrie. Die Bauern denken, sie sind unabhängig und haben ihr eigenes Auskommen, dabei sind sie nur Teil eines noch größeren Geschäftsmodells.

“Wir erleben eine Verklärung der landwirtschaftlichen Realität”

Die Demonstrierenden sind auffallend jung, sie tragen gerne Botten, also Holzpantinen. Geht es hier auch um einen Aufstand von Land gegen Stadt?

Die Sendung „Bauer sucht Frau“ ist in den Niederlanden enorm beliebt. Ein netter Landwirt oder eine liebe Landwirtin suchen da einen Partner. Diese Höfe gibt es. Viele Bauern hier wirtschaften vielleicht nicht nachhaltig, aber doch verantwortungsvoll, schließlich bewirtschaften sie Land, das sie geerbt haben und auch noch ihre Kinder ernähren soll. Aber wenn Demonstranten jetzt ein kleines Kalb am Seil halten, dann ist das auch eine romantische Verklärung der landwirtschaftlichen Realität. Wir erleben längst eine Agrar-Industrie mit riesigen Schweinemastbetrieben und Hühnerfarmen, die allein für den Export produzieren und Umweltprobleme erzeugen. Das gehört zur Wahrheit dazu.

Wie sehr treibt es Sie um, dass der Protest der Bauern in den Niederlanden nach rechts kippen könnte?

Da mischen sich jetzt Corona-Leugner unter die Demonstranten. Auch überraschend viele Lastwagenfahrer. Der Rechtsextreme Thierry Baudet versucht ebenfalls, bei den Protesten der Bauern anzudocken. Jedoch, da kann man sich sicher sein: Der ist so elitär, der hat noch nie einen Stall betreten. Aber schon ein Blick auf die einheitlichen Protestplakate zeigt: Das ist gut organisiert. Mehr noch als von rechten Gruppen wird der Protest von anderen instrumentalisiert: der Futtermittelindustrie und den Banken. Die haben bei einer Umstellung der Landwirtschaft am meisten zu verlieren.

“Im Kern ist es wie bei Griechenland: Am Ende werden mit den staatlichen Geldern Banken gerettet.”

Wie meinen Sie das?

Ähnlich wie die deutschen und französischen Großbanken im Fall von Griechenland hat die Rabobank viele Bauern in den Niederlanden in ein gefährliches Abhängigkeitsverhältnis gebracht. Die Rabobank hat das System über Jahrzehnte auf ungesunde Weise vollgepumpt mit zu viel Geld. Da geht es für einzelne Höfe um Millionenkredite mit einer Laufzeit von 30 bis 40 Jahren. Ein Beispiel: Ein Bauer hier im Dorf wollte einen neuen Kuhstall für 100 Tiere, die Bank machte Druck und beharrte auf einem Unterstand für 150 Tiere. So geht das Spiel. Immer noch eine Nummer größer, immer noch ein höherer Kredit. Wenn die Regierung jetzt Landwirten anbietet, den Hof aufzukaufen, geht das Geld vielfach direkt weiter an die Rabobank. Im Kern ist es wie bei Griechenland: Am Ende werden mit den staatlichen Geldern Banken gerettet.

Protest der Bauern in den Niederlanden: “Die Landwirte sind Opfer ihrer eigenen Lobby geworden”

Beobachten Sie ein Umdenken?

Schon. Eine Freundin von mir hat viel mit jungen Landwirten zu tun, oft haben die Agrarwissenschaften studiert. Die wollen die Betriebe ihrer Eltern übernehmen, aber nur wenn das zukunftsfähig ist. Dazu gehört eine gesunde Umwelt. Vor allem aber keine jahrzehntelange Abhängigkeit von Krediten. Das sind Unternehmer. Die sind nicht bereit, nochmal Millionen in ein Geschäftsmodell zu stecken, das längst überholt ist.

Was ist die größere Gefahr für die Landwirte: der Klimawandel oder der Stickstoffplan?

Das hängt beides zusammen. Auf lange Sicht sicherlich die Klimaveränderung. Die Stickstoffdebatte ist nur Symptom eines Problems. Wir brauchen einen Wandel in der Landwirtschaft. Die niederländischen Landwirte sind gute Bauern, die können sich gut anpassen. Das wird ihnen auch beim Klimawandel gelingen. Das Stickstoffproblem drängt nun aber akut. Die Bauern sind Opfer ihrer eigenen Lobby geworden.

“Einer Illusion sollten wir uns nicht hingeben: der des sehr einfachen Bauern.”

Der Politologe Ivan Krastev unterscheidet zwischen den Anywheres, die sich überall auf der Welt bewegen, und den Somewheres, die aus ihrem Dorf kaum herauskommen…

Ich lebe in Amsterdam in der Stadt und hier in Jorwerd auf dem Land. Der Protest hat sicherlich etwas mit der Abgehobenheit von Politik zu tun. Und auch etwas mit schlechter Kommunikation. Aber: Es gibt in der Stadt arme Menschen, die aus ihrem Viertel nicht rauskommen. Und es gibt auf dem Land Agrarunternehmer, die weltweit operieren.

Einer Illusion sollten wir uns nicht hingeben: der des sehr einfachen Bauern. Mein Nachbar ist Landwirt hier, und er betreibt noch einen Hof in Tansania. Die Niederlande importieren hunderttausende Kälber jedes Jahr – vor allem aus Osteuropa – und verkaufen das Fleisch später weiter in die ganze Welt. Viele Landwirte sind heute Global Player.

Ukraine-Krieg: “Auf brutale Gewalt kann nur eine harte Reaktion erfolgen”

Kommen wir vom Protest der Bauern in den Niederlanden zum Angriff Russlands auf seinen Nachbarn. Sie sind auch ein großer Chronist der europäischen Nachkriegsgeschichte. Wie schauen Sie auf den Krieg in der Ukraine?

Mak: Der 24. Februar dieses Jahres war das Ende der europäischen Friedensordnung, die nach dem zweiten Weltkrieg etabliert worden ist. Ein recht erfolgreiches System von Absprachen, Verträgen und Gleichgewicht, das selbst zu Sowjetzeiten funktionierte. Dieses System von gegenseitigem Vertrauen ist vorbei. Insofern gefällt mir der Ausdruck „Zeitenwende“, den Bundeskanzler Olaf Scholz gebrauchte.

Andere im Ausland schauen kritischer auf die deutsche Debatte. Wie erleben Sie die Diskussion?

Wenn Sie mich auf den Brief einiger Intellektueller ansprechen und die Forderung in der derzeitigen Situation mit Wladimir Putin zu verhandeln, muss ich sagen: In welcher Welt leben die Unterzeichner dieses Briefs eigentlich?! Deutschland hat eine eigene pazifistische Tradition, die auch aus dem Schuldbewusstsein aus dem Zweiten Weltkrieg resultiert. Historische Verantwortung endet nicht, wohl aber ändert sich die Antwort auf die Frage, was aus dieser Verantwortung folgt. Auf brutale Gewalt kann nur eine harte Reaktion erfolgen. Putin darf diesen Krieg nicht gewinnen.

Und wie haben Sie die Reaktion der Bundesregierung wahrgenommen?

Die neue Regierung muss sich finden. Als Historiker weiß ich: Mit Blick auf die deutsche Frage hatte die Bundesrepublik stets im Hinterkopf, man muss mit Russland irgendwie im Gespräch bleiben. Das war während der deutschen Teilung richtig. Und auch nach dem Fall der Berliner Mauer. Deutschland hat sich sehr bemüht, Russland in eine Friedensordnung einzubinden. Spätestens nach 2012 war das schwierig, als Putin sich mehr und mehr zu einem Autokraten entwickelte. Nach der Annexion der Krim 2014 war das überholt. Nordstream II hätte nie fertiggestellt werden dürfen. Aber auch die Niederlande nahmen von dem Projekt viel zu spät Abstand.

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