Bildung Ungleichheit

Faktencheck: „Niemand sollte eine sechs in Mathe erben“

Die FDP fordert bessere Bildung in Deutschland, Grüne, SPD, Linke, CDU und AfD tun es ebenfalls. Es ist das Thema, auf das sich alle Parteien verständigen können. „Niemand sollte eine sechs in Mathe erben“, so Nicola Beer, Generalsekretärin der FDP.  Der Journalistico-Faktencheck.

Wie sehr hängt der Bildungserfolg vom Elternhaus ab?
Enorm, wie nachfolgende Zahlen zeigen: Von 100 Akademiker-Kindern studieren 77; von 100 aus Familien ohne akademischem Hintergrund nur 23.  Das ist das zentrale Ergebnis der 20. Sozialbefragung des Deutschen Studentenwerks (DSW). „Der Zugang zum deutschen Hochschulsystem ist sozial nach wie vor selektiv“, so DSW-Präsident Dieter Timmermann. „Die hochschulpolitischen Schlüsselbegriffe unserer Zeit sind Exzellenz, Elite, Autonomie. Von sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit ist kaum die Rede.“ Die Daten wurden für das Jahr 2013 erhoben.

Wie sieht es in der Schule aus?
61 Prozent der unter 15-jährigen Kinder von Eltern mit hohem Bildungsabschluss gingen 2015 auf ein Gymnasium. Die Hauptschule spielte für sie kaum eine Rolle (drei Prozent), das hat das Statistische Bundesamt erhoben. Nur 30 Prozent der Kinder von Eltern mit mittlerem Bildungsabschluss besuchten ein Gymnasium, bei Eltern mit niedriger Bildung waren es sogar nur 14 Prozent.

Gibt es weitere Belege?
Ja. Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt, dass sich über 50 Prozent des Bildungserfolges mit dem Elternhaus erklären lassen.

Wie stark wirkt sich der Bildungserfolg auf das spätere Gehalt aus?
Sehr stark. Wer sich in Deutschland mit einer unter dreijährigen Ausbildung zum Handwerksmeister weiterqualifiziert, erhält im Mittel 26 Prozent mehr Gehalt als jemand mit Sekundarschulabschluss oder entsprechender dualer Berufsausbildung, so eine Untersuchung der Industrieländerorganisation OECD. Über 50 Prozent Gehaltsvorteil winken demnach, wenn man eine dreijährige Meister- oder Technikerausbildung absolviert oder seinen Bachelor an einer Universität oder Fachhochschule macht. Beim Master oder Staatsexamen liegt der Zuschlag der Untersuchung zufolge sogar bei fast 80 Prozent.

Wie früh öffnet sich die Bildungsschere?
Sehr früh. „Beim Übergang in die Schule werden Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status und Kinder mit Migrationshintergrund häufiger wegen Sprach- und Sprechstörungen, psychomotorischen Störungen sowie intellektuellen Entwicklungsstörungen von der Einschulung zurückgestellt“, heißt es im 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Das hat Folgen: „Verspätet eingeschulte Kinder holen auch im Verlauf der Grundschulzeit ihre Defizite zumeist nicht auf.“ Es gelinge Deutschland im internationalen Vergleich weniger gut, Kinder in ihren aktuellen Klassenverbänden zu fördern. „Umgekehrt begünstigen ein guter Bildungsgrad der Eltern, ihre Bildungserwartung und ihr Unterstützungspotenzial den Erfolg von Kindern in der Grundschule sowie den späteren Übergang auf ein Gymnasium.“ Kinder gebildeter Eltern machen vor der Einschulung nicht nur vielfältigere und frühere Erfahrungen nicht-elterlicher Betreuung in Spielgruppen, Kindertagespflege oder Kindertageseinrichtungen, sondern werden auch in der Familie stärker gefördert, heißt es im Nationalen Bildungsbericht.

Wie wichtig ist frühkindliche Bildung?
Sehr, auch hierzu hat die OECD Daten erhoben. Demnach halbiert sich das Risiko, dass ein Kind im Alter von 15 Jahren zur Risikogruppe im PISA-Test zählt, wenn es für mehr als ein Jahr an frühkindlichen Bildungsangeboten teilnahm.  Doch ausgerechnet hierzu ist der Zugang besonders schwierig. Der private Finanzierungsanteil bei der frühkindlichen Bildung liegt in Deutschland bei etwa einem Viertel und damit deutlich über dem Mittel der OECD-Staaten. „Das heißt, während die meisten Staaten von den gut verdienenden Bildungsgewinnern erwarten, dass sie sich an den Kosten ihres Studiums beteiligen – oft durch nachgelagerte Studiengebühren – bittet man in Deutschland die Jüngsten zur Kasse, also dort wo Nachteile aufgrund eines bildungsfernen Elternhauses am ehesten ausgeglichen werden können“, kritisiert die OECD. Tatsächlich lohnt sich ein Euro, der in frühkindliche Bildung investiert wird, mehr als jede andere Bildungsinvestition. „Dass die Rendite von Bildungsinvestitionen in frühkindliche Förderangebote besonders hoch ist, liegt an der sogenannten Selbstproduktivität von Fähigkeiten: In frühem Alter erlangte Fähigkeiten sind die Basis, um in höherem Alter weitere Fähigkeiten leichter erlernen zu können“, schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.

Was kann die Bundespolitik in Sachen schulischer Bildung überhaupt bewegen?

Verantwortlich für Bildung sind hauptsächlich die Bundesländer. In ihre Zuständigkeit fallen Schulen, Hochschulen, Erwachsenenbildung und allgemeine Weiterbildung. Der Bund hat hier kaum Mitspracherechte. Das sogenannte Kooperationsverbot steht im Weg. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will es abschaffen, damit sich Berlin stärker in die Schulpolitik einbringen und zusätzliche Milliarden investieren kann. Doch auch mit Kooperationsverbot sind durchaus gemeinsame Projekte von Bund und Ländern möglich: So wurden zum Beispiel der Hochschulpakt 2020 oder der  Qualitätspakt Lehre vereinbart. Auch FDP-Politikerin Beer fordert, dass Bund und Länder stärker bei der Bildung zusammenarbeiten. Nötig seien bundesweit einheitliche Bildungsstandards und Abschlüsse sowie die Unterstützung von Kindern, deren Eltern eine gute Ausbildung nicht bezahlen können. Die FDP tritt für bessere Kitas ein und mehr Sprachförderung vor der Einschulung.

Wie viel Geld gibt Deutschland für Bildung aus?
Unterdurchschnittlich wenig. Die Bundesrepublik investiert 4,2 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung in Bildungsinstitutionen. Das OECD-Mittel liegt bei 4,8 Prozent. Die Ausgaben pro Auszubildenden oder Studierenden sind zwischen 2005 und 2015 sogar gesunken – bei den Studierenden so stark wie in Spanien, das von der Finanzkrise stark getroffen wurde. Für Schüler der Sekundarstufe gibt Deutschland mehr aus als der OECD-Schnitt, allerdings vor allem deshalb, weil die Kosten der dualen Ausbildung überwiegend von den Unternehmen getragen werden. Im Primarbereich sind die Ausgaben dagegen laut OECD unterdurchschnittlich.

Gibt es denn eigentlich auch Verbesserungen?
Ja, durchaus. Seit dem Pisa-Schock im Jahr 2000 haben Jugendliche aus sozioökonomisch schwachen Elternhäusern in der Lesekompetenz mehr als ein Lernjahr aufgeholt. Das geht aus dem Nationalen Bildungsbericht hervor. Die Risikogruppe der leseschwachen 15-Jährigen war 2012 mit 15 Prozent um acht Prozentpunkte kleiner als noch im Jahr 2000. Die Bertelsmann-Stiftung kommt in einer Analyse zu dem Ergebnis, dass alle Bundesländer im Zeitraum von 2002 bis 2014 ihre Schulsysteme insgesamt „leistungsstärker und chancengerechter gemacht haben“. So besuchten heute zum Beispiel deutlich mehr Schüler Ganztagesschulen (37,3 Prozent im Vergleich zu vormals 9,8 Prozent). Auch seien die Schulsysteme durchlässiger geworden. Weiter heißt es im Papier: „Während zu Beginn des Betrachtungszeitraums noch 9,2 Prozent aller Schüler eines Altersjahrgangs ihre Pflichtschulzeit ohne Hauptschulabschluss beendeten, wurde dieses Risiko im Jahr 2014 nur noch bei 5,8 Prozent Realität.“

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