Preissteigerungen und Tarife: Gewerkschaften vor harten Lohnrunden

Angesichts der Preissteigerungen sollen Tarife für einen Ausgleich sorgen. Doch in diesem Jahr werden die Arbeitnehmer noch weitgehend leer ausgehen.
In diesem Jahr sind kaum Tarifverhandlungen geplant. (Symbolbild: Markus Spiske)
In diesem Jahr sind kaum Tarifverhandlungen geplant. (Symbolbild: Markus Spiske)
Angesichts der aktuellen Preissteigerungen sollen die Tarife angepasst werden. Kurz vor dem Tag der Arbeit am 1. Mai setzt die mächtige IG Metall ein deutliches Zeichen. Die wichtigste Industriegewerkschaft will für die Stahlindustrie im Osten 8,2 Prozent mehr Lohn durchsetzen. „Die Kolleginnen und Kollegen erwarten zu Recht ein Plus, das mindestens die Inflation ausgleicht”, so Metall-Betriebsrätin Esther Block. Die Forderung lässt erahnen, was in den kommenden Tarifverhandlungen im Mittelpunkt stehen wird: Hohe Abschlüsse, die einen Verlust an Kaufkraft auffangen. Das kündigt auch DGB-Chef Reiner Hoffmann schon an. „Ein Inflationsausgleich, eine Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an den Produktivitätsgewinnen und eine gerechtere Verteilung bleiben die Hauptziele unserer Tarifpolitik”, sagt er.
 
Schon werden warnende Hinweise mit Blick auf die Erfahrungen der 70er Jahre laut. Die damalige Ölkrise zog ebenfalls hohe Energiepreise nach sich. In der Folge entwickelte sich eine Lohn-Preis-Spirale. Die Gewerkschaften setzten hohe Lohnsteigerungen durch, woraufhin viele Unternehmen mit Preiserhöhungen reagierten. Für diese gegenseitigen Impulse steht vor allem der Arbeitskampf im öffentlichen Dienst 1974. Die Gewerkschaften forderten 15 Prozent, setzten am Ende nach einem großflächigem Streit eine Lohnsteigerung um elf Prozent durch.

Preissteigerungen: Viele Tarifverhandlungen finden erst 2023 statt

In den vergangenen Jahrzehnten war die Tarifpolitik meist zurückhaltend. Oft war die Beschäftigungssicherung ein ebenso wichtiges Ziel wie höhere Einkommen. Zuletzt kam, etwa bei der Deutschen Bahn, ein weiterer Aspekt dazu: Die Wahlmöglichkeit zwischen mehr Geld oder mehr Freizeit. Doch momentan dreht sich alles ums Geld: die Preissteigerungen soll durch Tarife ausgeglichen werden. Eine Lohn-Preis-Spirale ist trotzdem nicht in Sicht. „Angstmacherei”, nennt Hoffmann entsprechende Warnungen von Ökonomen. Viel spricht dafür, dass er Recht behält. So stehen in diesem Jahr kaum neue Tarifverhandlungen an. Lediglich für kleinere Branchen, etwa das Banken, und Versicherungen, werden neue Verträge ausgehandelt. Alle anderen müssen die höheren Preise wohl erst einmal bei unverändertem Einkommen schultern.
 
Das ändert sich erst im Herbst und verstärkt im kommenden Jahr. Ende des Jahres geht es für die Metall- und Elektroindustrie los. 2023 sind mit dem öffentlichen Dienst und dem Einzelhandel weitere Branchen mit Millionen Beschäftigten dran. Erst in diesen Verhandlungen wird sich zeigen, ob die Befürchtung vor zu hohen Lohnabschlüssen, vorgetragen etwa vom Ökonomen Lars Feld, der Finanzminister Christian Lindner berät, berechtigt ist. 

Preissteigerungen: Tarife dürfen nicht die einzige Maßnahme bleiben

Einiges deutet auf eine angesichts der rasanten Preissteigerungen vergleichsweise zurückhaltende Tarifpolitik hin. So weist Hoffmann darauf hin, dass der Kampf gegen die Auswirkungen der Inflation nicht allein der Tarifpolitik überlassen werden darf. „Die Politik muss mehr unternehmen, um die Inflation zu bremsen”, verlangt der DGB-Chef. Mit dem Entlastungspaket sieht der Ökonom Sebastian Dullien vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) die Bundesregierung auf dem richtigen Weg, die Tarifpolitik zu flankieren. Denn das Land werde durch den extern erzeugten Preisdruck insgesamt ärmer. „Der Kuchen ist kleiner geworden, weil die ausländischen Energielieferanten sich einen Teil davon nehmen”, stellt er fest.

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