Der Landgang der Lachse: Kommen Fische bald nicht mehr aus dem Meer?

Die Menschheit hungert nach Lachs. Die Schäden der derzeitigen Zucht werden immer größer. Pioniere wollen die Fische jetzt an Land züchten.
Lachs, begehrter Speisefisch (Foto: Caroline Attwood)
Lachs, begehrter Speisefisch (Foto: Caroline Attwood)

Es gibt den Hering, den Barsch oder die Forelle. Doch ganz oben auf dem Speisezettel vieler Menschen steht der Lachs. Roh, geräuchert oder gebraten. Die Nachfrage ist groß. In Norwegen und Chile sind riesige Lachsfarmen entstanden, in denen hunderttausende Fische in Käfigen im Meer großgezogen werden. Das hat mehr mit Landwirtschaft als mit Angeln zu tun. Fisch-Farming nennt sich das. Firmen wie der norwegische Weltmarktführer Mowi mit seinen 12.000 Beschäftigten haben daraus ein sehr profitables Business gemacht. Die Fisch-Farming-Industrie gehört in Norwegen zu den wichtigsten Exportbranchen des Landes. Von dort aus wird der Fisch – meistens per Flugzeug – in alle Weltregionen exportiert.

Der Hunger nach Fisch ist gewaltig. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat sich der menschliche Pro-Kopf-Fischkonsum in den vergangenen sechs Jahrzehnten mehr als verdoppelt. 2017 lag er demnach bei 20,3 Kilogramm. Gleichzeitig nimmt das Angebot an Wildfisch ab. Der meiste Fisch kommt mittlerweile aus Aquakulturen im Meer.

Lachszucht in Aquakulturen im Meer führt zu riesigen Schäden

Doch die Schäden, die die Aquakultur verursacht, sind inzwischen unübersehbar. Jedenfalls dann, wenn man hinschaut, was viele Verbraucher noch immer nicht tun. Die auf engstem Raum zusammengepferchten Lachse sind ein Festmahl für die Lachslaus, die sich in den Fischkäfigen wunderbar ausbreiten kann und die Fische tötet. Gegen die harte Chemie, die die Fischfarmer ins Wasser kippen, ist sie längst immun geworden. Die Alternativen, die Tiere mit hohem Druck zu schrubben oder abzuspülen, enden ebenfalls oft tödlich. Und Impfungen sind laut Tierschützern für die Lachse sehr schmerzhaft.

„In den letzten Jahren ist die Branche viel größer und noch viel gieriger geworden. Sie ist außer Kontrolle geraten und kann tun und lassen, was sie will“, so Kurt Oddekalv vom Umweltschutzbund in Bergen. 2010 hatte er einen umfassenden Rapport zum Fisch-Farming vorgelegt. Neben dem Problem mit der Lachslaus ging es darin auch um Zuchtlachse, die ins freie Meer gelangen und dort ihre natürlichen Kollegen gefährden. Und um das Karotinoid Astaxanthin, mit dem die Farmer darauf reagieren, dass Lachse kaum noch Krabben zu fressen bekommen. Das Astaxanthin soll dafür sorgen, dass die Fische trotzdem schön rotes Fleisch bilden. „Alles in der Umgebung der Fischfarmen stirbt daran”, so Oddekalv.

Und als ob das nicht schon genug wäre, stehen auch noch Algenblüten und Unmengen Fäkalien auf der Liste der von der Aquakultur verursachten Schäden. “Man hat unter dem Käfig einen Meter oder mehr, der aus Fäkalien und verrottendem Futter besteht, und das ist das Ekelhafteste, was man sich vorstellen kann”, erläutert Daniel Pauly, Professor für Fischerei an der Universität von British Columbia in Kanada. “Und manchmal wird dieses Zeug bei einem Sturm aufgewirbelt und tötet alle Fische.”

Gewaltige Kapazitäten für Zucht von Lachs an Land in Planung

Johan Andreassen gehört zu denjenigen, die das System verändern wollen. Der Norweger ist ein Fisch- und Nachhaltigkeitsfan. Und ein Pionier. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er an einem neuen Zuchtsystem. Fisch-Farming an Land. Seine Firma Atlantic Sapphire ist inzwischen der Weltmarktführer in diesem Bereich. Sie hat als eines von wenigen Unternehmen schon eine laufende Produktion: in Dänemark und in Florida, USA. Mit ihren Fischfarmen versucht sie den natürlichen Lebenszyklus der Lachse zu immitieren. Aufzucht in Süßwaßerbecken, danach Wechsel ins Salzwasser. Die Isolierung von der Umwelt und ausgeklügelte Technologie sollen verhindern, dass Krankheiten eingeschleppt werden.

Die Idee, Fisch an Land zu farmen, verbreitet sich derzeit fast so schnell wie die Lachslaus. Das Fachmagazin Salmon-Business zählte zum Jahresende 2020 satte 73 Unternehmen in dem Bereich und ständig kämen neue hinzu. Führend dabei: Norwegen, die USA und China. Doch selbst in den Schweizer Alpen, im Wallis, steht inzwischen eine Lachsfarm. Aufgerufen wird pro Projekt schnell mal eine Jahresproduktion von 100.000 Tonnen. Nur damit die Größenordnung klar ist: Das entspricht der Lachsjahresproduktion von Kanada.

Alle Projekte zusammengenommen, zählte Salmon-Business zum Jahresende eine potenzielle künftige Produktionskapazität an Land von 1,76 Millionen Tonnen. Derzeit liegt die Weltproduktion von Lachs aus Aquakultur bei 2,7 Millionen Tonnen. Es wird also ganz groß angerichtet.

An Land gibt es auch Probleme – es sind nur andere

Dem Stichwort “potenziell” kommt allerdings mehr Bedeutung zu, als man beim schnellen Lesen denken könnte. Erstens ist der Aufbau der Projekte teuer. Die Firma Swedish Quality Salmon beziffert die Kosten für ihre Farm bei Göteborg auf 1,7 bis zwei Milliarden Euro. Solche Summen müssen Investoren erst einmal locker machen. Zweitens ist es auch an Land ein schwieriges Unterfangen, große Fischbestände gesund zu halten. Ob das zu ökonomischen Preisen funktionieren kann, wird sich noch zeigen müssen.

Was die Gesundheit der Fische betrifft, sind die potenziellen Fehlerquellen vielfältig: Ein zu hoher Kohlendioxidgehalt im Wasser, das Eindringen von Bakterien, eine Überlastung des Filtersystems oder auch ein simpler Stromausfall, der das Kreislaufsystem zum Stillstand bringt, können verheerende Folgen haben.

Auch Fisch-Farming-Pionier Andreassen macht noch immer bittere Erfahrungen. Im März hat Atlantic Sapphire in der Anlage in Florida 500 Tonnen Fisch verloren, fast die Hälfte der Gesamtproduktion im ersten Quartal. Der Grund waren technische Probleme. Im Juli kam es während Wartungsarbeiten in der Anlage in Dänemark zu erhöhter Fischsterblichkeit. Und Ende August ging dem Unternehmen – wiederum in Florida – fast der Sauerstoff für das Wasser aus, weil infolge der wieder aufflammenden Covid-Pandemie die Nachfrage nach Sauerstoff (von Krankenhäusern) in die Höhe schoss und das Angebot knapp wurde. Ob das Unternehmen solche Probleme jemals endgültig in den Griff bekommt? Vielleicht mit fortlaufender Erfahrung und Optimierung. Aktuell werden die Becken in Florida in kleinere Einheiten aufgeteilt, damit eine Kontamination weniger Auswirkungen hat.

Der Land-Lachs soll deutlich nachhaltiger sein

Auf das Erreichte ist Andreassen gleichwohl stolz. Erst im September war die Anlage – gesprochen wird von einem Bluehouse (in Anlehnung an das Greenhouse, dt. Treibhaus) – in Betrieb genommen worden. Als erste kommerzielle Lachszucht an Land in den Vereinigten Staaten. “Ein ein Jahrzehnt alter Traum ist wahr geworden, Fisch an Land, beim Konsumenten zu züchten. Seit September haben wir jede Woche Fisch an Konsumenten quer durch die USA geschickt.” Nun soll die Produktion hochgefahren werden und bis 2031 deutlich mehr als 200.000 Tonnen Lachs pro Jahr abwerfen.

Die Protagonisten der Fischzucht an Land werben unermüdlich für die Vorteile der Methode. Dadurch, dass das Wasser im Kreislauf geführt und immer wieder aufbereitet werde, werden laut Atlantic Sapphire 99 Prozent Wasser gespart. Fäkalien können entsorgt werden und landen nicht im Meer. Der Fisch soll frei von Antibiotika, Parasiten und Mikroplastik sein. Der Verschmutzung der Meere und der Gefährdung der Wildlachse werde ein Ende gesetzt. Und lange und klimaschädliche Transportwege können vermieden werden, wenn der Fisch dort heranwächst, wo er gegessen wird. Außerdem wird daran gearbeitet, die Lachse mit Insekten zu füttern statt mit Meerestieren. Die Energie, die zum Filtern und Umwälzen der riesigen Wassermengen benötigt wird, soll aus erneuerbaren Quellen kommen.

Preislich sind die Land-Lachse teurer als die Meereszuchten. Das Unternehmen Sustainable Blue aus Kanada verlangt 18 bis 20 kanadische Dollar, während das herkömmliche Produkt für etwa 13 Dollar zu bekommen ist. Mit steigenden Mengen dürften die Preise aber sinken. Vermarktet werden die Lachse ohnehin als Premium-Produkte und treffen auf begeisterte Käufer. Argumente zur Vermarktung der Land-Lachse gibt es ausreichend.

“Das ist lächerlich”, sagt ein Fischmanager der alten Schule

Der Trend zum Umweltschutz dürfte den innovativen Lachsfarmern jedenfalls in die Karten spielen. Je besser sie zeigen können, dass sie eine veritable Alternative zu den herkömmlichen Methoden sind, desto größer wird der Regulierungsdruck für die Konkurrenz werden. Die kanadische Regierung hat bereits damit begonnen, den lokalen Herstellern strengere Regeln aufzuerlegen.

Der Fischmanager Alan Cook, der für den Aquakultur-Marktführer Mowi tätig ist, glaubt allerdings nicht daran, dass die Landproduktion so schnell ausgebaut werden wird, dass sie bis zum Ende des Jahrzehnts schon bis zu 30 Prozent des Weltmarktes abdecken könnte. “Das ist lächerlich”, kommentierte er entsprechende Prognosen von Investmentbankern, die immerhin der Produktionskapazität von Chile entsprechen würde.

“Die chilenische Industrie hat mehr als 30 Jahre gebraucht, um ihr heutiges Produktionsniveau zu erreichen, und der Weg war weder glatt noch einfach”, so Cook. “Die Lachszucht an Land ist mindestens genauso schwierig wie die Lachszucht in Meereskäfigen, wenn nicht noch schwieriger. Dieses Segment mag sich mit der Zeit als erfolgreich erweisen, aber viele dieser Projekte werden es nicht bis zur Ziellinie schaffen.”

Herkömmlichen Lachsfarmen wird es wie Ölkonzernen ergehen, so ein Investor

Eine Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie kam von dem Investor Al Cohen, der daran erinnerte, “was die grüne ESG-Bewegung mit Öl und Gas macht. Die gleiche Welle wird die herkömmliche Aquakultur erfassen. (…) Landgestützte Meeresfrüchte werden den Markt in den nächsten Jahren dominieren. (…) Was jeder vergisst, ist das ESG-Regulierungsrisiko. Kein Investmentbanker kalkuliert das jetzt schon ein. Es wird kommen.” Mit ESG sind der Umweltschutz, die soziale Verantwortung und die gute Unternehmensführung gemeint.

Lohnen tut sich das Geschäft für Atlantic Sapphire noch nicht. 6,2 Millionen Dollar Umsatz standen im vergangenen Jahr 55 Millionen Dollar Verlust gegenüber. Ein wesentlicher Teil davon waren Kosten für die Inbetriebnahme der Anlage in Florida mit dem Aufbau der Fischbestände. Investoren werden die Firma noch eine Weile finanzieren müssen. Unbeantwortet bleibt dabei die Frage, wie sich die Preise entwickeln werden, sollte das Angebot an Lachs explodieren.

Der Landgang der Lachse. Eine Story mit vielen Unbekannten.

Der Börsen-Butler ist bei Atlantic Sapphire investiert. Er möchte bei dieser faszinierenden Story dabei sein. Die Aktie ist von ihrem Hoch bei rund 150 norwegischen Kronen (14.60 Euro) auf rund 47 Kronen zurückgekommen. Die Probleme in den Anlagen haben den Kurs abstürzen lassen. Mit 420 Millionen Euro ist das verlustreiche Unternehmen aber noch immer sehr teuer. Hochspekulativ und deswegen ein Depotanteil von 0,3 Prozent.

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