Ein chinesischer Lehman-Moment?

Der Immobilienkonzern Evergrande steuert auf eine Mega-Insolvenz zu – doch Chinas Regierung steht bereit, die Folgen abzufedern.
Der chinesische Immobilien-Riese Evergrande steht vor der Insolvenz. (Foto: Markus Winkler)
Der chinesische Immobilien-Riese Evergrande steht vor der Insolvenz. (Foto: Markus Winkler)

Die Stunde der Wahrheit naht für Chinas angeschlagenen Immobilien-Riesen Evergrande: Am Donnerstag muss das Unternehmen zwei große Anleihen zurückzahlen. Das gilt als Test für den wahren Zustand des Konglomerats. Es ächzt unter rund 250 Milliarden Euro Schulden gegenüber Banken, Baufirmen, Handwerkern und Anlegern. Nach stotternden Rückzahlungen in den vergangenen Monaten gilt Evergrande derzeit als weltweit größtes Ausfallrisiko. Das schiere Volumen der Verbindlichkeiten platziert das Unternehmen in eine Liga mit der US-Investmentbank Lehman Brothers, deren Pleite 2008 der Beginn einer weltweiten Finanzkrise war.

Doch auch wenn einige Analysten diese Parallele für alarmierende Überschriften verwenden, ist das Risiko einer vergleichbar weitreichenden Krise eher gering. „Auch wenn das Unternehmen kollabiert, werden die Regulatoren aggressiv einschreiten, um eine Ausbreitung der Insolvenz auf Wohnungskäufer, Investoren und Zulieferer zu verhindern”, kommentiert der Finanzwissenschaftler Michael Pettis von der Peking-Universität. Evergrande ist einfach zu groß, um es pleite gehen zu lassen.

Für China wäre eine Insolvenz katastrophal

Es gibt noch weitere Unterschiede. Während die Risiken 2008 wegen der doppelt verpackten Finanzprodukte der damaligen Zeit intransparent waren, liegen das Geschäftsmodell und die Verbindlichkeiten von Evergrande einigermaßen deutlich auf dem Tisch. Das Unternehmen betreibt 1.300 Immobilienprojekte in 280 chinesischen Städten. Oft handelt es um Komplexe mit Shops, Restaurants, Büros und Apartments. Es handelt sich zudem im Gesamtbild eher um eine innerchinesische Angelegenheit, ausländische Investoren sind nur wenig betroffen.

Für China wäre eine Insolvenz allerdings eine Katastrophe. Keine Firma hat je so viele Eigentumswohnungen geschaffen und vermarktet wie Evergrande. Wenn die Deutsche Wohnen groß ist, ist Evergrande ein Gigant. Schätzungen zufolge entsprechen die Verpflichtungen des Unternehmens drei Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung. Es beschäftigt 200.000 Mitarbeiter. „Die Frage ist nun, warum Peking nicht viel früher eingestiegen ist”, fragt Pettis. Es habe in den vergangenen Jahren reichlich Warnungen davor gegeben, dass der Koloss auf tönernen Füßen steht.

Corona und die Abwärtsspirale eines Imperiums

Das Unternehmen ist nach Standards etablierter Volkswirtschaften noch jung. Es wurde 1997 von Xu Jiayin gegründet, einem ehemaligen Stahlwerksmitarbeiter. Er kaufte zunächst günstige Immobilien in kleineren Städten, die im Zuge der chinesischen Entwicklung enorm im Wert stiegen. Xu hat die wertvolleren Objekte gehalten und sie als Sicherheiten für neue Kredite genutzt. Mit dem so aufgenommenen Geld ist Xu jeweils in die nächste Runde von Zukäufen eingestiegen. Mit Gewinn und Umsatz von Evergrande schien es immer nur aufwärts zu gehen. Evergrande wurde zur größten Immobilienfirma des Landes.

Bis zum vergangenen Sommer hat Xu die Bälle immer geschickt in der Luft gehalten. Das Geschäftsmodell beruhte aber auf der Annahme, dass die Preise am Immobilienmarkt immer nur nach oben gehen und dass China immer gleichmäßig wächst. Dann kam Corona. Die Schocks durch die Pandemie versetzten das Konglomerat in eine Abwärtsspirale. Investoren zogen Geld ab, was Zahlungsprobleme schuf. Das verstärkte wieder das Misstrauen. Selbst als die Corona-Folgen einigermaßen überwunden waren, konnte Xu sich nicht aus der Abwärtsbewegung befreien. Er hatte einfach zu hoch gepokert.

Eine Insolvenz will Peking unbedingt verhindern

Nun ist es interessant, zu beobachten, wie sich die chinesische Regierung verhält. Es gilt dabei als sicher, dass sie keine katastrophale Pleite zulassen wird. Stattdessen wird sie den Immobilienmarkt und das Finanzsystem von einer möglichen Evergrande-Implosion isolieren, glaubt Pettis. Denn eine unkontrollierte Insolvenz würde gleich drei Politikziele in Gefahr bringen: die Zufriedenheit der chinesischen Immobilienkäufer, den Bau neuer Wohnungen und nicht zuletzt das internationale Image der chinesischen Wirtschaft.

Als die Bank Lehman Brothers vor 13 Jahren ihren Insolvenzantrag stellte, zeigte sich China fast etwas schadenfroh. Die eigene Finanzbranche brachte solche Systemrisiken angeblich nicht hervor, weil sie simpler war. Vor allem gelang es Peking mit staatlichen Eingriffen, das Wachstum ausgerechnet im Krisenjahr nach absoluten Werten auf einen Rekord zu hieven. Das sollte die Überlegenheit des eigenen Wirtschaftsmodells zeigen. Eine Evergrande-Pleite mit weitreichenden Systemfolgen wird Staatschef Xi Jinping daher verhindern lassen – egal, was es kostet. Statt einer Rettung wäre beispielsweise eine Übernahme des Immobilienbestands samt Schulden durch staatliche Banken möglich.

Loslassen, damit sich der Markt selbst überwacht

Die Kosten wären dabei jedoch höher als der reine Preis für die Lösung. Denn auch wenn zuletzt ab und zu eine Bankeninsolvenz möglich war, verlassen sich die Anleger zunehmend auf die staatliche Rettung. Ein glaubwürdiger Anleihe-Markt braucht jedoch Risiken. Wenn der Staat letztlich für alles haftet, dann erhalten Anleger immer nur Minimalzins, wenn sie Firmen Geld leihen. Denn der Zins ist auch eine Entschädigung für das Risiko. Ohne Risiken gibt es keine sonderlich hohen Zinschancen.

Außerdem geben sich Anleger in einem Vollkasko-Finanzwesen keine Mühe, ihr Geld nur an vertrauenswürdige Unternehmen zu vergeben. Die Mühe zur Erkennung guter und schlechter Geschäftsmodelle lohnt sich für sie nicht. Ohne Ausfallrisiko schwindet also auch die Überwachungsfunktion des Marktes. Die möchte die kommunistische Regierung aber stärken, um nicht weiterhin alles per Hand kontrollieren zu müssen. In einer zur Hälfte privatisierten Volkswirtschaft mit einem Volumen von zehn Billionen Euro ist das früher übliche Mikromanagement unmöglich geworden. China hätte also ein Interesse daran, Marktkräfte walten zu lasen. Doch es gelingt der Regierung nicht, loszulassen. Evergrande ist ein gutes Beispiel dafür.

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