Schwalbenwinkel: Vogel sucht Wohnung

Jedes Jahr gibt es weniger Schwalben in Deutschland. Klaus Janke kämpft dagegen an – mit seiner Erfindung, dem „Schwalbenwinkel”.
Jedes Jahr gibt es weniger Schwalben in Deutschland. (Foto: Patrice Bouchard)
Jedes Jahr gibt es weniger Schwalben in Deutschland. (Foto: Patrice Bouchard)

Klaus Janke interessiert sich für Vögel seit er 12 ist. Heute ist er 83, noch immer sportlich, dreimal in der Woche spielt er Tennis. Ihn treibt aber vor allem eins um: das Leben der Schwalben. Ihn faszinieren die Vögel, die auch als Boten des Glücks gelten. Er will sie retten. Dabei hilft ihm jetzt seine patentierte Erfindung: der Schwalbenwinkel.

Hinter dem Vogel liegt ein gefährlicher und strapaziöser Weg. Bis zu 13.000 Kilometer kann er lang sein. Er führt von Südafrika über die Sahara bis nach Deutschland. Bis zum achtzehnten Jahrhundert erschien es den Menschen wahrscheinlich, dass der kleine Vogel auf dem Grund von Seen Winterschlaf hält. Doch fliegt er, gut 30 Zentimeter Spannweite, alle sechs Monate um die halbe Welt. Geht alles gut, dauert ein Weg zwei Monate. Und dann? Wohin in Deutschland?

Schwalben in Wohnungsnot

„Schwalben mögen die Nähe zum Menschen”, sagt Janke. Die Rauchschwalbe, rostrotes Gesicht, tief gegabelter Schwanz, glänzend blauschwarzer Rücken, am Bauch cremeweiß, fühle sich besonders wohl drinnen in Bauernhöfen, vor allem in Ställen. Die kleinere Mehlschwalbe mit schneeweißem Bauch und Federn bis zum Fuß, die etwas später zurückkehrt, ist eher in der Stadt statt auf dem Dorf zuhause, unter Dachvorsprüngen und rauen Putz- oder Klinkerfassaden. Nur, sagt Janke: „Oft finden beide Arten keinen geeigneten Platz mehr zum Brüten.”

Er beobachtet das seit Jahren. „Das Verschwinden der klassischen Bauernhöfe auf dem Land macht den Rauchschwalben zu schaffen. Die Mehlschwalben kommen in den Städten nicht mit den glatt sanierten und modernen neuen Hausfassaden zurecht. Dazu kommt der Rückgang der Insekten“, sagt Janke. Er lebt in Süddeutschland, in der 2000 Einwohner-Gemeinde Finning unweit vom Ammersee entfernt. Aber die Wohnungsnot der Schwalben ist kein lokales Problem – das gibt es bundesweit.

Schwalben-Nistkästen aus dem Baumarkt sind meistens ungeeignet

Nicht dass es gar keine Ställe mehr gibt. Aber die modernen Ställe der Milchbetriebe sind aus Tierschutzgründen hell, hoch, offen, zugig. Was gut für Kühe und Rinder ist, eignet sich aber nicht für die Rauchschwalben. Die mögen es nicht zugig, an den glatten Wänden und den Stahlkonstruktionen haftet das Nistmaterial schlecht. Sie brauchen Mauerkanten, Vorsprünge, Absätze. Die Vögel sind auch nicht immer willkommen, vor allem die Mehlschwalben nicht in der Stadt. Sie machen Dreck. Den will aber niemand, weder an der Garage, dem Carport oder auf dem Balkon. Alles zusammen macht sich bemerkbar: Laut dem Naturschutzbund Nabu gibt es heute nur noch halb so viele Rauch- und Mehlschwalben wie vor 30 Jahren.

Klaus Janke, der einst als Wirtschaftsingenieur gearbeitet hat, will Abhilfe schaffen. Die 08/15-Nistkästen aus dem Baumarkt bringen ihn allerdings nicht weiter. Viele Modelle, die kleinen Fachwerkhäuser oder sehr bunten Kästen, seien vielleicht schön anzusehen, für Vögel aber nicht geeignet, meint er. Sie seien zu auffällig für die Tiere, die sich gerne verstecken würden. Für Schwalben seien sie zumeist schon gar nichts. Denn die seien Gebäudebrüter, das Gros der Baumarktangebote aber für Höhlenbrüter wie Meisen gedacht.

Jankes patentierte Idee: Der „Schwalbenwinkel”

Jankes Idee, die bundesweit Interesse weckt: Er ahmt die bevorzugten Plätze der Rauchschwalben, die dunklen Nischen in Ställen alten Schlags, so gut es geht nach – mit dem Schwalbenwinkel. So nennt er die schlichte Holzkonstruktion, die er selbst zusammen zimmert und auch beim Patentamt angemeldet hat. Sie hat die Form eines Würfels, dem zwei Seiten fehlen. Eine Ecke, ein Winkel entsteht, so dass die Schwalbe ihr Nest bauen kann. Er berät Bauern, Besitzer von Reitställen, wo die Winkel am besten angebracht werden können – aus hygienischen Gründen nicht über den Futtertrögen, aber zum Beispiel in den Gängen.

Und was machen Städter? „Mehlschwalben brüten am liebsten unter einem Dachüberstand, so dass sie vor Wetter und Sonne geschützt sind”, erklärt Janke. Da müsse auch keine neue Nisthilfe erfunden werden, da gebe es „gute” etwa beim Nabu oder Landesbund für Vogelschutz, LBV. Der Vogelexperte weiter: „Am besten bringen Sie aber einen halben Meter unter einem Nest ein bis zu 30 Zentimeter breites Brettchen an. So lässt sich der Vogeldreck auffangen.” Der sei bester Dünger für den Garten.

Der Schwalbenwinkel ist erfolgreich

Bleibt noch eins: Da viele Einfahrten und Feldwege zubetoniert sind, gibt es weniger Pfützen als früher. Beide Schwalbenarten brauchen die aber. Sie holen daraus den matschigen Lehm, mit dem sie ihre Nester bauen. Darum empfehlen Vogelschützer auch, eine Pfütze anzulegen.

Janke hat Erfolg. Die Schwalben kommen immer wieder zurück. Sie legen mindestens zweimal im Jahr vier bis sechs Eier in die neuen Nester, brüten sie dann jeweils zwei Wochen lang aus. Sind die Küken geschlüpft, sausen die Eltern hin und her, jagen nach Mücken und Insekten, schnappen sie direkt aus der Luft. Sie haben gut zu tun, müssen für die Aufzucht von vier bis sechs Jungen laut Nabu 1,2 Kilogramm Insekten heranschaffen. Das sind grob geschätzt 12.000 Insekten. Nach etwa drei Wochen fliegen die Küken aus. Spätestens im Oktober fliegen alle Schwalben wieder gen Süden – bis zum nächsten Frühjahr.

Schwalben willkommen

Der Naturschutzbund Deutschland, der NABU, wirbt für ein Herz für Schwalben. Besitzer von Häusern, Landwirte, Firmen, öffentliche Institutionen, Burgen, Schlösser – alle, die Schwalben eine Möglichkeit zum Nisten geben, können sich unter bewerben um die Plakette „Schwalbenfreundliches Haus”. „Dann wird sich jemand von uns melden”, sagt Julia Ehritt, beim Umweltverband für die Aktion verantwortlich. Mit der Auszeichnung lasse sich werben und Naturnähe zeigen. Oder man wendet sich direkt an Nabu-Aktive vor Ort.

Klaus Janke, Erfinder des Schwalbenwinkels. (Foto: Franz Dilger)

Wer mehr zum Schwalbenwinkel wissen will, meldet sich bei Klaus Janke: likla.janke@gmx.de. Er stellt die Bauanleitung zur Verfügung oder baut und verschickt die Nisthilfen zum Selbstkostenpreis: den Schwalbenwinkel für 5,10 Euro. Für den Fall, dass es für die Schwalben vor Ort wenig Nistmaterial gibt, baut er aus Sägespänen und Zement auch eine Nistschale, sie macht nochmal 4,40 Euro extra. Dazu kommen die Versandkosten.

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