Zuwanderung

Faktencheck: „Tausende Menschen sterben nach wie vor im Mittelmeer“

Die Flüchtlingskrise beschäftigt Deutschland weiterhin, auch wenn weniger Menschen ins Land kommen, als noch auf dem Höhepunkt der Krise. Doch damit ist das Problem nicht gelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnt, das „Tätigsein der Schlepper“ zu unterbinden, weil diese Flüchtlinge in Gefahr brächten. „Nicht umsonst sterben tausende von Menschen nach wie vor im Mittelmeer.“ Der Journalistico-Faktencheck.

Wie viele Menschen sterben tatsächlich im Mittelmeer?
Die Internationale Organisation für Migration (IOM) erfasst regelmäßig die Todesfälle von Menschen, die über das Mittelmeer fliehen. Demnach sind in den ersten sieben Monaten des Jahres 2389 Flüchtlinge ums Leben gekommen. Die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen UNHCR kommt auf 2421 Todes- und Vermisstenfälle bis zum 24. August. Die meisten der Menschen versuchten von den Küsten Libyens und Tunesiens nach Italien oder Malta zu gelangen. Alleine in diesem zentralen Bereich des Mittelmeers sind laut IOM 2224 Flüchtlinge ums Lebens gekommen. Damit gilt dieser Fluchtweg als „tödlicheste Migrationsroute der Welt“.

Wie viele Menschen sind im Mittelmeer seit Ausbruch der Flüchtlingskrise ertrunken?
Für das ganze Mittelmeer sind keine Zahlen bekannt. Für das zentrale Mittelmeer wird die Zahl der Todesfälle von IOM mit 14.500 seit 2014 beziffert.

Wie verlässlich sind diese Zahlen?
Die IOM macht selber Einschränkungen. Sie spricht davon, dass es sich bei den Zahlen um Mindestschätzungen handelt, da längst nicht alle Todesfälle bekannt würden.

Was sind die Todesursachen?
Die meisten Menschen ertrinken. 88 Prozent der Todesfälle im Mittelmeer waren im vergangenen Jahr auf diese Todesursache zurückzuführen. Weitere Todesursachen sind Abgasvergiftungen, Brände an Bord, Hunger, Dehydrierung und Unterkühlung.

Welche Rolle spielen die Schlepper?
Die Schlepper lassen sich ihre Dienste von den Flüchtlingen gut bezahlen. Eine sichere Überfahrt ist dadurch aber nicht gewährleistet. Jeder 36. Mensch, der bisher 2017 über das Mittelmeer fliehen wollte, ist dabei gestorben. Das ist ein starker Anstieg im Vergleich zum vergangenen Jahr, als noch jeder 88. Flüchtling starb oder verschwand. Für die Unglücke gibt es zahlreiche Ursachen. Dazu gehören immer gefährlichere Schmuggelmethoden. Laut IOM nutzen die Schlepper häufiger Schiffe, die nicht seetauglich sind im zentralen Mittelmeer. Außerdem wird die Überfahrt auch häufiger bei schlechtem Wetter probiert. Von November 2016 bis Februar 2017 sind 61 Prozent mehr Flüchtlinge in Italien angekommen als im Winter davor. Hinzu kommt, dass häufiger mehrere Schiffe gleichzeitig die afrikanische Küste verlassen, das macht es für Retter schwieriger, in Not geratenen Menschen zu helfen.

„Wir alle sind uns ja einig: Wir müssen das Tätigsein der Schlepper, der Menschenhändler muss man sagen, unterbinden. Wir dürfen das nicht unterstützen. (…) Illegale Migration stoppen, weil sie auch die Flüchtlinge in nicht-akzeptable Gefahrensituationen bringt. Nicht umsonst sterben tausende von Menschen nach wie vor im Mittelmeer.“

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin

Lassen sich die Schlepper aufhalten?
Mühsam. Es handelt sich um ein lukratives Geschäft, von dem viele Menschen leben. Die Behörden versuchen die Schleppernetzwerke zu identifizieren und zerstören auch Schiffe. Zum Stillstand gebracht hat das die Flucht aber noch nicht. Nun soll auch das Militär vor Ort unterstützt werden – mit Waffen, Munition und Fahrzeugen. Auch wird der Kontakt zu lokalen Stammesfürsten gesucht.

Welche Alternativen gibt es?
Neben der naheliegenden, aber nicht schnell zu bewerkstelligenden Lösung, die Fluchtursachen zu bekämpfen, setzt das UNHCR darauf, die Flüchtlinge von einer Überquerung des Mittelmeers abzuhalten. Dazu sollen diese besser über die Gefahren aufgeklärt werden, außerdem sollen die Asylmöglichkeiten in Afrika selbst sowie der Schutz der Fliehenden verbessert werden. Außerdem sollen Orte, wo Schiffe ablegen, schneller identifiziert werden und den Flüchtenden noch vor dem Weg aufs Schiff Hilfen angeboten werden, damit sie die Reise nicht antreten. Auch Stipendien sowie legale Familienzusammenführungen sind mögliche Instrumente.

Wie viele Menschen sind denn in diesem Jahr bereits über das Mittelmeer geflohen?
Die IOM zählte bis Ende Juli 115.057 Flüchtlinge, die in Europa angekommen sind. Die UNHCR kommt auf 121.735 bis zum 24. August. Im vergangenen Jahr sind bis Ende Juli laut UNHCR 257.393 Flüchtlinge in Europa angekommen. Der Rückgang im Vergleich zum Vorjahr sei ein Hinweis darauf, dass die Gegenmaßnahmen Wirkung entfalten, sagte eine IOM-Sprecherin auf Journalistico-Anfrage.